Die wahrscheinlich bekannteste Szene des Films findet ziemlich zu Anfang von John Boormans 105 Minuten langem Films aus dem Jahr 1972 statt: Wer "Beim Sterben ist jeder der Erste" (Anm.: Wer, lieber Titelerfinder, ist denn dann der Zweite?) gesehen hat, wird sich sicher an das Duell zwischen Banjo und Gitarre erinnern.
Die Gitarre spielt ein Thirtysomething namens Drew (Ronny Cox), die Banjoseiten zupft ein offenbar geistig zurückgebliebener Junge namens Lonnie (Billy Redden). Drew ist Teil eines Männer-Quartetts, das sich vorgenommen hat, mit dem Kanu den in den Appalachen gelegenen Cahulawassee River hinabzupaddeln, bevor das Gewässer in Kürze einem Dammbauprojekt zum Opfer fallen und auf ewig in den Fluten des neuangelegten Stausees verschwinden wird.
Zunächst aber suchen die Vier aus Atlanta erst einmal jemanden, der die Wagen, in denen sie angereist sind, für sie an den flussabwärts gelegenen Zielort ihres Ausflugs befördert. Bereits hier stoßen sie auf erste Probleme mit den entschieden hinterwäldlerisch wirkenden Einwohnern der letzten menschlichen Ansiedlung. Auf den ersten Blick wirken die windschiefen Bruchbuden verlassen - sind die Bewohner vielleicht schon evakuiert worden ... ? Dann taucht aber doch noch ein Tankwart auf, der den Vieren Sprit verkauft und sie auf deren Auto-Speditionsanfrage hin an die Brüder Griner verweist. Auch die geben sich ziemlich zugeknöpft und finden offensichtlich, dass sich die Stadtfräcke schnellstens wieder in die Richtung verabschieden sollten, aus der sie gekommen sind.
Wortführer Lewis (Burt Reynolds) freilich lässt sich so schnell von niemandem ins Bockshorn jagen, drückt stattdessen sogar sein Gegenüber bei der Preisverhandlung, und so kann's jetzt endlich losgehen in Richtung Flussufer, das im übrigen ziemlich unzugänglich ist. Lewis, Drew, Ed (Jon Voight) und Bobby (Ned Beatty) lassen ihre beiden Kanus zu Wasser, und spätestens beim am abendlichen Lagerfeuer, über dem selbst erlegter Fisch grillt, sind die kleinen Reibereien zwischen den vier Städtern und den Einheimischen ebenso vergessen wie der graue Alltag. Hier könne sie niemand finden, seufzt Ed noch zufrieden, bevor die Vier sich unterm Sternenzelt zur Ruhe betten. Wie sollen sie auch ahnen, dass sich genau dieser idyllische Umstand in der Folge noch als höchst verhängnisvoll erweisen wird ... ?
Ich hatte "Deliverance" vor langen Jahren gesehen, und wahrscheinlich handelt es sich bei der Fassung um eine ungeschnittene Version, die ich irgendwann einmal im deutschen Fernsehen gesehen habe - jedenfalls kam mir auch die berühmt-berüchtigte, kontroverse Schlüsselszene bekannt vor, in der Bobby von einem Hinterwäldler vergewaltigt wird und die den eigentlichen Auftakt der Geschehnisse bildet, die der auf einer Romanvorlage basierende Film schildert.
Dass mir der komplette Fortgang der Ereignisse entfallen war, ist mir wirklich erst beim kürzlichen Wiedersehen klar geworden, denn alles andere, an das ich mich erinnerte, stammt offensichtlich aus Filmen jüngeren Datums, die sich "Deliverance" zum Vorbild genommen haben - weiß der Himmel, aus welchem Aufguss Szenen stammen, in denen die Wochenend-Abenteurer gefangengesetzt und in einen von Hinterwäldlern bevölkerten Weiler verschleppt werden, in dem sie einer nach dem anderen zu Tode gemartert werden; in "Deliverance" kommt die Szene jedenfalls nicht vor. Tatsächlich wirkt der Film wahrscheinlich nicht nur wie die Urmutter aller Backwood-Slasher, sondern ist es auch wirklich, weshalb ich Boormans Werk ohne Zögern Attribute wie "stilbildend" und "richtungsweisend" zuerkenne.
Die 35th Anniversary Deluxe Edition
Im Jahr 2007 ist der Film auf DVD neu aufgelegt worden - grämen Sie sich also nicht, wenn Sie kein Exemplar der Erstauflage mit dem denkwürdigen Covermotiv ergattert haben, welches das Bild eines aus dem Wasser ragenden Gewehrlaufs mit zwei Szenenfotos kombiniert. Lassen Sie auch die für den deutschen Markt aufgelegte Special Edition ruhig im Regal stehen, wenn Ihnen diese Ausgabe zu teuer ist. Machen Sie's ruhig wie ich und sehen Sie sich nach der in UK erschienenen "35th Anniversary Deluxe Edition" um - die ist nämlich dankenswerterweise baugleich mit der Fassung für den deutschen Markt, bietet sowohl die deutsche Synchronfassung als auch deutsche Untertitel und ist, fabrikfrisch und inklusive Versand, schon für etwa 4 Euro zu haben.
Selbst bei der Leinwandprojektion schlägt sich der Film aus dem Jahr 1972 sehr wacker - besonders Close-ups wirken erfreulich scharf, aber ganz generell liegt die Qualität des Bildmaterial merklich über der von so mancher lieblosen Veröffentlichung eines Films jüngeren Datums ("F/X - Tödliche Tricks" aus dem Jahr 1986 ist so ein ganz unrühmliches Beispiel, das mir auf Anhieb einfällt); und auch am Ton habe ich nichts auszusetzen - für einen Film, der zum Zeitpunkt der Neuveröffentlichung bereits 35 Jahre auf dem Buckel hatte, ist das Gebotene wirklich sehr erfreulich.
Das Gesagte gilt auch für die Zusatzausstattung der DVD, die unter anderem mit einer 2007 produzierten Reportage aufwartet, die man aus mir nicht ersichtlichem Grund in vier Teile gestückelt hat. Produziert hat das Ganze übrigens Laurent Bouzereau, dessen Name für mich seit Jahr und Tag für Dokumentationen aus dem Bereich des Unterhaltungskinos steht, die wirklich sehenswert sind; zusammengerechnet bringen es die vier Episoden, in denen unter anderem der Regisseur, sein Kameramann und die Hauptdarsteller zu Wort kommen, auf eine knappe Stunde Laufzeit - Prädikat: wirklich informativ, erhellend und ohne Mätzchen wie nervige Hintergrundmusik und andere Entbehrlichkeiten produziert. Dazu gibt's dann noch den Original-Trailer in zu erkennbarer Klötzchenbildung neigender Auflösung sowie ein etwa 10 Minuten langes Filmchen, das seinerzeit (hier: in den frühen 70er Jahren) produziert worden ist, um den Film zu bewerben. Abgerundet wird das attraktive Paket durch einen von Regisseur Boorman eingesprochenen Audiokommentar, auf den ich mich bereits jetzt freue - allein das, was Boorman im Interview zu erzählen weiß, ist schon interessant; ich wette, über eine Laufzeit von 105 Minuten legt Boorman sicher noch eine Schippe drauf.
Sehr viel weniger zu berichten weiß Burt Reynolds, der zum Schluss der Dokumentation scherzt, mehr falle ihm selbst bei vorgehaltener Waffe nicht ein. Nachdem ich alle vier Teile der Dokumentation gesehen habe, bin ich übrigens fest davon überzeugt, dass der echte Reynolds tot ist und durch einen mexikanischen Vampir ersetzt worden ist, der nur wie ein faltenloser, etwa vierzigjähriger Mann wirkt, solange er in regelmäßigen Abständen im Blut minderjähriger Jungfrauen badet.
R e s ü m e e
Sehenswerter Film, der die Frage danach stellt, wie dick die Politur ist, an der man kratzen muss, um unter dem zivilisierten Stadtmenschen das Tier freizulegen. Dass Boormans Film das auf sehr unverkopfte Weise tut, macht ihn so unterhaltsam, dass der Film offensichtlich die Vorlage für viele, teils sehr viel uninspiriertere Filme ähnlicher Couleur ist. Die DVD punktet mit erfreulich scharfem Bild, überaus manierlichem Ton und einer Zusatzausstattung, die interessierten Filmfreunden einiges zu bieten hat - kurz gesagt: Von mir gibt's fünf von fünf Sternen für den DVD-Transfer der "Flussfahrt" (Alternativtitel).