...auf einer Straße in Jütland." Genau dort wartet die Erzählerin, die Ole Bornedal ausgesucht hat, um uns in den Plot seines Films -Deliver us from Evil- mitzunehmen. Das ist, wie immer wenn Bornedal sich einen Stoff ausdenkt, erfrischend kreativ, anders, intelligent und clever gemacht. Nach Filmen wie -Bedingungslos- oder dem phantastischen -Nightwatch- war ich auch dieses Mal auf Bornedals Film gespannt; weiß man doch, dass der Regiseur sich ständig neu erfindet und niemals auf der gleichen, wenn auch erfolgreichen, Masche herumreitet.
Auf dieser Straße in Jütland sehen wir die alte Anna auf dem Mofa fahren. Kurze Zeit später kommt der Lkw-Fahrer Lars(Jens Andersen) mit seinem Truck angeschossen. Lars ist ein Trinker, Schläger und Tunichtgut. Er fährt für den Spediteur Ingvar(Morgens Pedersen), Annas Mann. Lars macht alles Mögliche, aber er blickt nicht auf die Straße. Als es einen Knall gibt, hält er erschrocken an und findet hinter seinem LKW die tote Anna auf der Straße liegen. Er zerrt die Leiche in den Straßengraben, verwischt die Spuren des Unfalls und fährt nach Hause. Dort gibt er vor zuviel getrunken zu haben und schickt den Bosnier Alain(Bojan Navojec) mit dem LKW zum Speditionshof. Alain soll abgeschoben werden, hat in Bosnien Frau und Kinder verloren, und gilt als verrückt. Lediglich Joahnn(Lasse Rimmer) und seine Frau Pernille(Lene Nyström) kümmern sich um den Asylanten.
Im Dorf findet eine Jubiläumsfeier statt. Alle Bewohner versammeln sich im Festzelt, als Ingvar beginnt, seine Frau zu suchen. Lars und seine Saufkumpanen machen Alain betrunken, nicht ahnend, dass Lars genau das beabsichtigt. Als Ingvar seine tote Frau im Straßengraben findet, nimmt das Unglück seinen Lauf. Der Rentner erscheint auf dem Fest und sucht einen Schuldigen, die Polizei lässt er außen vor. Im alkoholgeschwängerten Dorfmob findet Ingvar Unterstützung und schnell wird klar, wer der Täter ist: Alain! Nur mit Hilfe von Johann kann der aus dem Festzelt gerettet werden. Als Johann und Pernille Alain mit nach Hause nehmen, sehen sie sich kurze Zeit später einer Belagerung ausgesetzt. Die Dorfbewohner, unter Führung von Ingvar, wollen den Bosnier haben. Egal, zu welchem Preis...
Ach...wie wunderbar hat Bornedal das wieder gedeichselt. Am Beispiel eines kleinen dänischen Dorfs zeigt er uns all die Ängste und Vorurteile, die noch immer so tief und fest in uns verankert sind. Angst vor dem Fremden, das Suchen nach unbedingten Lösungen, egal wie hanebüchen sie auch sind, um sich selbst reinzuwaschen. Die leicht zu zerreissende Zivilisationshaut, unter der ein Urmensch auf Rache sinnt. Doch es sind nicht nur diese Zutaten des Plots, sondern auch noch Bornedals Kamera, die den Film so interessant machen. Dräuende Wolken, Kamerafahrten in Slowmotion und stahlgrauen Farben, stumme Bilder, bei denen die Protagonisten die Münder öffnen, wir aber nur Musik hören. All diese kleinen Kniffe sind es, die -Deliver us from Evil- so interessant machen. Dazu packt Bornedal einen Schuss Religiosität und "sozial limitiertes Umfeld" in die Geschichte, um aufzuzeigen, wie schnell man den Mob auf die Beine bringen kann. Mit der Erzählerin, die uns wie ein Fremdenführer durch Jütlands Abgründe führt, schießt Bornedal in puncto Kreativität dann noch einmal den Vogel ab, denn: Wir müssen nicht nur zusehen, wir müssen auch zuhören!
Natürlich ist das Ende des Plots, wie wir das bei Bornedal gewohnt sind, so gut wie überraschend. -Deliver us from Evil- ist ganz sicher kein Blockbusterfilm. Es wird Zuschauer geben, die mit Bornedals Werk nichts anfangen können, zu straight geht der Streifen seinen Weg. Mainestreamkino ist etwas völlig anderes. Mir persönlich hat -Deliver us from Evil- hervorragend gefallen. Ich kann ihnen nicht versprechen, dass das bei ihnen auch funktioniert. Da bleibt nur eins: Sie müssen es einfach ausprobieren. Wenn sie -Nightwatch- und -Bedingungslos- kennen und schätzen, hilft das. Aber Vorsicht: Hier erwartet sie wieder ein völlig anderer Bornedal.