Die Musik von Frederick Delius (1862-1934) ist hierzulande nicht sehr bekannt. Die Werke des englischen Komponisten mit deutschen Wurzeln werden selten aufgeführt. Auch die Discographie ist übersichtlich; neben einigen älteren EMI-Aufnahmen sind vor allem die gelegentlichen Neu-Einspielungen bei Naxos erwähnenswert.
Woran liegt das? Immerhin hat Delius ein Oeuvre von beachtlichem Ausmaß hinterlassen und sich durchaus nicht nur auf ein Genre kapriziert. Von ihm liegen Opern, Orchesterkompositionen, Klavierwerke und manches andere vor; seine Schaffenszeit reicht vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die frühen 1930er Jahre. Und er pflegte künstlerischen Umgang mit Edward Grieg und Claude Debussy. Wie erklärt sich angesichts all dessen die relative Bedeutungslosigkeit von Frederick Delius?
Nun, auch wenn die Musikverlage Delius jetzt, im Jahre seines 150. Geburtstages, zu einem typischen Komponisten des Fin de Siecle erklären und ihn in die Nähe von Gustav Mahler rücken, so ist damit mehr verschleiert als erklärt. Denn Delius war beides nicht: weder ein Komponist des Fin de Siecle noch ein irgend gearteter Parteigänger von Gustav Mahler.
Man kann dazu einen simplen Vergleich wagen, den nämlich zwischen Delius' "On Hearing the First Cuckoo in Spring" (1912) und Mahlers erster Sinfonie (1888).
Beide Kompositionen arbeiten mit sehr ähnlichen Motiven, mit Naturlauten, volksliedhaften und folkloristischen Sequenzen. Wo aber Mahler mit expressionistischer Schärfe die Ankunft einer lärmenden Moderne zeichnet und den Untergang einer ländlichen Tradition teils betrauert, teils bejubelt, resignativ, satirisch, klangvoll und dramatisch, da entwirft Delius allenfalls vage Skizzen in Pastelltönen, weichgezeichnet, ästhetisch, stets ein wenig mit dem Charme des Elfenhaften spielend. Und er verweilt programmatisch in der Naturromantik des 19. Jahrhunderts. Dabei ist zum Teil sehr schöne Musik entstanden, fließend, impressionistisch, harmonisch - aber eben keine, die die Zäsur zwischen kleinbürgerlichem Idyll und industrieller Moderne vertont oder deutet.
Dieser Befund gilt für das gesamte Werk von Delius. Und er zeigt, dass zwischen ihm und Mahler kaum Gemeinsamkeiten bestanden haben (können). Insofern erweist sich auch die in jüngster Zeit mehrfach geäußerte Parallelität zwischen der durch Nietzsche inspirierten Komposition "A Mass of Life" (1904/05) und Gustav Mahlers Nietzsche-Adaptionen als abwegig.
Delius' Musik ist in weiten Teilen Programm-Musik: orientiert an den ästhetischen Reizen der Natur, perlend, flirrend, ästhetisierend, tief musikalisch und zum Teil wunderschön, aber eben auch ein wenig jenseitig, ein wenig dem verlorenen Paradies nachtrauernd, eher wehmütig als klagend, eher sehnsüchtig als protestierend. Der Kanonendonner ist Delius' Sache nicht, sowenig wie dröhnende Dramatik oder musikalisches Dogma. Delius spürt den klanglichen Kleinigkeiten nach; seine Kompositionen sind impressionistische Miniaturen wie winzige Landschaftsstudien Monets. Und wie diese immer auch nur andeutend, versuchend, ohne hartes Auftrumpfen oder hörbares "Punktum".
All das wird viel mit dem Naturell von Delius zu tun gehabt haben, introvertiert, sensitiv, zurückgenommen. Trotz der Inspirationen bei Musikerkollegen ist ihm die hochromantische Schroffheit von Grieg ebenso fremd geblieben wie Debussys pointilistischer, bisweilen manischer Stil. In dieser Autonomie liegen einige herausragende Stärken von Delius' Kompositionen. Man wird in ihnen keine Anbiederung an musikalische Moden finden, Experimente mit Inspirationen schon, aber kein Nachäffen von bewunderten Vorbildern. Delius ist es in einem emphatischen Sinne um die Musik gegangen - das zeigt auch die Lebensgeschichte des Komponisten, der seine Musikerlaufbahn nur gegen große familiäre Widerstände durchsetzen konnte.
Die 150th Anniversary Edition bei EMI Classics enthält auf 18 CDs fast das gesamte Werk von Frederick Delius, in jedem Falle aber alle wichtigen Werke dieses in vielerlei Hinsicht noch zu entdeckenden Komponisten. Die Kompilation enthält alle einschlägigen (Referenz-) Aufnahmen, u.a. mit Sir John Barbirolli und Vernon Handley. Schön auch, dass die Sammlung zahlreiche Aufnahmen mit dem Royal Philharmonic Orchestra unter seinem Gründer Sir Thomas Beecham (1879-1961) beinhaltet. Beecham stand Delius sehr nahe und war einer der wichtigsten Förderer seiner Musik.
Insgesamt also eine kluge und überzeugende Auswahl und Zusammenstellung. Klanglich übrigens durchweg auf einem guten bis sehr guten Niveau. Das Beiheft ist - typisch für die Major Labels - allzu schlicht und lieblos ausgefallen.
Wer sich nicht zu sehr von den volltönenden Werbebotschaften der Plattenindustrie einlullen lässt - die nämlich sieht Delius immer noch im Schatten seiner Zeitgenossen Elgar, Mahler, Strauss oder Sibelius -, der wird einen kreativen, wenn auch nicht immer originellen, empfindsamen, klugen und tief musikalischen Komponisten kennenlernen, dessen Arbeiten nie Weltanschauung, stets aber Musik waren und sind.
Der Kauf dieser wohlfeilen CD-Box lohnt sich daher in jedem Fall!