Zugegeben, massenkompatibel oder gar radiotauglich waren Fântomas noch nie. Schon ihr letztes (Meister)Werk "The Director's Cut" war dem Wahnsinn ebenso nahe wie dem Genie, doch wo dort noch mehr oder weniger bekannte Filmmelodien gekonnt verwurstet wurden so fehlt dem Hörer beim jetzt vorliegenden Drittwerk "Delirium Cordia" jegliche Ansatzpunkte. Dieses Album könnte man getrost im Plattenladen unter "Neue Musik" einordnen. Mike Pattons brilliante Stimme wird hier höchstens als Instrument benutzt. Verständliche Songtexte wurden bewusst weggelassen, hier geht es nur um Atmosphäre. Ein Album das Zeit braucht Zeit bis es zündet, sehr viel Zeit. Zwar treten Fantomas das Gaspedal nicht mehr so gnadenlos durch wie auf ihren letzten beiden Alben, doch gerade das könnte für Verwirrung sorgen. Aufmerksamkeit ist gefragt, will man die knapp sechzig Minuten überstehen oder gar geniessen. Musik zum Nebenbeihören ist das nicht. Nimmt man sich aber ein wenig Zeit, dann entwickelt sich das Monstrum bald zu einem wahren Diamanten. Kaum eine CD hat mir in der letzten Zeit so viel Angst eingejagt wie dieses Opus. Auch wenn man über weite Strecken des Albums das Gefühl hat, man lausche keiner Band sondern nur Mike Patton, der nach Herzenslust am Computer Knöpfchen drückt.
Meine Empfehlung: Am Besten im Dunkeln über Kopfhörer hören, nur so entfaltet sich die wahrhaft beängstigende Stimmung. Das sei allerdings nur Personen mit starken Nerven empfohlen. Ebenso wie der Blick ins genial gestaltete Booklet, die düsteren und drastischen Bilder von Operationen fangen die Stimmung des Albums hervorragend ein (Schade, dass das Buch aus dem die Bilder entnommen wurden, nicht oder nur sehr schwer erhältlich ist). Also, Höchstwertung, sofern der Hörer sich auf Experimente einlassen will und evtl auch schon Erfahrungen mit "Neuer Musik" vom Schlage Olivier Messiaen, Pierre Boulez oder Karl-Heinz Stockhausen gesammelt hat.