Martin Walker beglückt uns mit "Delikatessen" ein viertes Mal mit einer Kriminalgeschichte rund um Bruno, den Dorfpolizisten des kleinen Kaffs Saint Denis im Périgord, der weitab vom Trubel der hektischen Metropolen mit seinen Dorfkumpanen ein beschauliches, geniesserisches Leben führt und darin nur hin und wieder - sooft Walker es eben will - von einem Verbrechen gestört wird.
Dieses Mal gelingt Walker die Verbindung verschiedener Handlungsstränge wieder ganz hervorragend, nicht so wie in seinem letzten "Bruno"-Roman ("schwarze Diamanten"). Die Erzählstränge, die hier verwoben und wieder auseinanderdividiert werden sind: Ein Mord, der vor langer Zeit geschah, ein sensationeller archäologischer Fund und der Widerstand von Tierschützern gegen die vermeintlich tierquälerische kleinbäuerliche Produktion von Enten- und Gänseleber.
Und Schwups! sind sie wieder versammelt, all die Themen, von denen Walker die Hände nicht lassen kann: Frankreichs Esskultur und die politischen Dimensionen des Geniessertums, seine Vorstellungen von männlicher Galanterie und der spielerischen Konfrontation mit der weiblichen Emanzipation, seine Fanfaren auf die kameradschaftliche Dorfgemeinschaft, die mit Ihresgleichen pfleglich umgeht, bei kleinen Rechtsübertretungen ein Auge zudrückt und, von gesundem Menschenverstand beseelt, stets Gut und Böse auseinanderzuhalten weiss. Daneben taucht auch wieder hie und da diese leise Kritik an behördlicher Willkür und zentralistischer EU-Bürokratie auf, dieses kopfschüttelnde Unverständnis für die Lebensfremdheit der grossstädtischen Polit-Technokraten, die immer noch nicht verstanden haben, was es heisst, zu leben und leben zu lassen. Das sind alles keine Hiebe, denn das wäre nicht Walkers Stil, es sind vielmehr kleine Nadelstiche in einem Meer von ansonsten behäbiger Gutmütigkeit.
Dennoch stellt sich bei mir eine langsame, schleichende Ermüdung ein. Mittlerweile habe ich wohl verstanden, dass es einen Graben zwischen dörflicher Menschenfreundlichkeit und Pariser Arroganz gibt, dass die französische Lebensart mitsamt ihrer Ess- und Trinkkultur bedroht ist und wohl nur noch von aufgebrachten Bildungsbürgern wie Martin Walker gerettet werden kann.
Ich hätte nichts dagegen, wenn der englische Lebemann und Publizist seine Romane von diesem Fundus an Kulturkritik entledigte und sich ganz auf andere Themen konzentrierte. Er dürfte seinen Figuren ruhig etwas mehr Profil verleihen, dürfte die Enttäuschungen und Härten des Lebens schildern und dabei für einmal auf sein Happy-End verzichten, mit dem er seine Romane den Unbilden der Wirklichkeit zu entziehen scheint. Er dürfte ruhig seine Geschichten etwas weiter entwickeln, etwas weniger durchschaubar machen, der Gemeinheit mehr Raum geben, ein Quäntchen Unmoral einfliessen lassen und sich eingestehen, dass es solche aufrechten und für immer weissgewaschenen Figuren wie Bruno eigentlich nicht geben kann.
Bei aller Sympathie beginnt dieser Held ohne Fehler langsam aber sicher meine Geduld zu strapazieren. Bruno ist pflichtbewusst, zuverlässig, loyal, menschlich, antirassistisch, ein belesener Soldat, ein ausgezeichneter Jäger und Koch, ein selbstständiger Mann, ein respektvoller Liebhaber, ein ganz und gar aufrechter Kerl ohne Macken. Das ist dann irgendwann ganz einfach zu viel und man beginnt sich nach Figuren zu sehnen, wie sie eine Patricia Highsmith gezeichnet hat: gute Charakteren, aber innerlich zerrissen, unstet und derart voll von Fehlern, dass man nicht weiss, ob man sie mögen oder hassen soll.
Zudem scheint mir, dass Walker leider mehr und mehr eine willfährig Geisel seiner eigenen Geschichten wird, und es kann wohl kein Lösegeld aus hunderttausenden verkaufter "Bruno"-Romane hoch genug sein, um aus den Fängen der biederen und liebevollen Provinzfranzosen zu entkommen. Im Gegenteil, Martin Walker dürfte sich bestärkt darin fühlen, diese Serie von kuscheligen Räuber und Gendarm-Possen ("Fang mich - ich bin der Mörder!") weiterzuschreiben.
Dennoch kann von der Lektüre dieses Bandes nicht gänzlich abgeraten werden. Wer sich nach einem anstrengenden Arbeitstag gerne ins Bett legt um mit einer gut erzählten und herzerwärmenden Geschichte seinen Adrenalinspiegel langsam zurückzufahren, ist mit Martin Walkers Buch gut bedient. "Bruno"-Romane zu lesen ist eine kleine Konzession an die Stärken der intelligenten Trivialliteratur: Gefühle und Stimmungen werden in dieser Sparte besonders gut eingesetzt und ausgebreitet - immer vorausgesetzt, dass ein Roman dieses Genres ein gewisses Niveau hat - und dies ist bei Martin Walker ganz sicher der Fall. Verdammt - ich kann es wohl auch nächstes Mal wieder nicht lassen und werde auch den fünften "Bruno"-Roman lesen müssen, und das sagt, ich geb's zu, eigentlich alles.