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Delhi [Gebundene Ausgabe]

Marcus Braun
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 173 Seiten
  • Verlag: Berlin Verlag (1. Februar 1999)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3827003105
  • ISBN-13: 978-3827003102
  • Größe und/oder Gewicht: 20,8 x 12,8 x 2,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
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Marcus Braun
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Dunkel war's

Ein ambitionierter Romanerstling

von Marcus Braun

Es gibt Autoren, die sich viel Mühe gegeben haben. Und die sich überdies viel Mühe geben, durch forcierten Witz zu verstecken, dass sie sich viel Mühe gegeben haben. Marcus Braun aber gibt am Schluss seines knappen Romans mit dem kurzen Titel «Delhi» zu erkennen, dass er hart gearbeitet hat (nämlich von «Oktober 1994 bis Dezember 1997»), um diesen angestrengten Roman zu schreiben. Die Mühe hat nur bedingt gelohnt.

Warum? Weil der Roman zu klug ist und seine Klugheit immer wieder plakativ ausstellt. Sätze wie «Es geht nicht um wahr und unwahr. Es geht nur um die Funktion im Kalkül» durchziehen, durchkreuzen und zerstören die Geschichte, die durchaus über den Stoff verfügt, aus dem die bündigen Romane sind. Ein junger Architekt, dem im Studium der Satz «Form follows function» wohl ein wenig zu häufig eingebläut wurde, fliegt, acte gratuit, nach Indien. Schon im Flugzeug trifft er einen leitenden Herrn der US-Botschaft. Kaum angekommen, wird er in Mordpläne verwickelt, die gegen einen radikalen Hindu-Politiker gerichtet sind. Überdies verliebt er sich ausgerechnet in die schöne Agentin, die diesen Plan ausführen soll und mit der er besonders gerne über Tiere, Gebäude und Sterne spricht. Er will das Projekt durchkreuzen, doch am Ende ist er der Tote.

Man kann die Geschichte, da sie unablässig erzählt, dass es nicht um wahr und falsch geht, auch ganz anders nacherzählen. Goester ist ein schwerer Trinker, Sternegucker, Träumer, Kinogänger. Ihm geraten die Dinge stets durcheinander. Damit der Leser diese Konstruktionstechnik auf jeden Fall bemerkt, beschreibt sie sich selbst. Goester verfügt über die Fähigkeit, so wahrzunehmen, dass Vorder- und Hintergrund vertauschbar werden wie auf einem Bild von Escher – dessen Name denn auch prompt genannt wird.

Seinen Manierismus stellt das Buch auch sonst so überdeutlich aus, dass kein Zweifel daran aufkommen kann, dass sein Ziel die Vernichtung von Deutlichkeit und Eindeutigkeit ist. Um dieses Ziel zu erreichen, aktiviert Braun das ganze dazu zur Verfügung stehende literarische Arsenal: Anagramme, Palindrome (eine Katze heisst Rupakkapur), Negationen, Rahmungen, Wechsel von Erzählperspektiven, Allusionen («Fatalismus der Geschichte» – aha: Büchner) und Katachresen wie «Er rauchte wie ein Ertrinkender».

Zahlenspiele haben es Marcus Braun besonders angetan. Die Zweierpotenzen müssen dran glauben, um klassische Beglaubigungsstrategien von fiktionalen Texten zu dekonstruieren, nein: zu destruieren und zu belegen, welcher Potenzierungen die vorliegende Prosa fähig ist. 8×4 Kapitel weist der Band auf, macht 32. Das ist die Zahl, die, wenn man sie nochmals verdoppelt, die Felder eines Schachspiels ausmachen. Natürlich folgt der Hinweis, dass Kasparow Hjartson in 32 Zügen besiegt hat.

Nun wäre alles wunderbar, wenn Brauns Roman so faszinierend wäre wie ein Bild von Escher oder eine Schachpartie von Kasparow. Ist er aber nicht. Denn das Eigentümliche ist, dass Braun sich in ein wenig produktives Paradox verliert: Dass hienieden und insbesondere in Indien alles undeutlich ist, wird überdeutlich. So überdeutlich wie der Wink mit dem Zaunpfahl, den der Schlusssatz gibt. Goesters Mutter erhält (natürlich absenderlos, natürlich am falschen Ort abgeschickt) ein Polaroid-Photo ihres toten Sohnes. «Es zeigte ihn im Schulterstand auf zwei kleinen Mäuerchen. ( . . .) Die Mutter (. . .) steckte das Photo falsch herum in die Verglasung des Wohnzimmerschranks.»

Marcus Braun ist einem Manierismus erlegen, der kein Widerlager mehr findet. Sätze wie «Auch jetzt kam es nicht auf den Sinn der Worte an» oder «Auch diese Geschichte darf bezweifelt werden» können von hohem Reiz sein (wie z. B. Paul Wührs grossartiger Roman «Das falsche Buch» zeigt). Doch Marcus Braun schreibt, als wolle er das alte Paradox eines Raffael ohne Hände Schrift werden lassen. Gleichwohl ist die Lektüre des Bandes nicht bloss eine verlorene Anstrengung. Denn sie zeigt, wie und woran auch sehr ausgefuchste Literaturkonzepte scheitern können.

Wenn es denn überhaupt eine Zauberformel für geglückte Literatur gibt, dann wohl diese: Sie muss unwahrscheinliche Realitätsversionen so präsentieren, dass sie stimmig scheinen. Den ersten Teil des Kriteriums erfüllt Brauns Roman: Er ist outriert klug und also vom Common sense weit entfernt. Aber er ist seiner Klugheit narrativ nicht gewachsen. Und so verfehlt er den zweiten Teil des Kriteriums. «‹Ich muss irgendwann einen grossen Fehler gemacht haben›, sagte Goester», schreibt Marcus Braun, zitiert zustimmend der Rezensent und findet vermutlich auch der geneigte Leser.

Jochen Hörisch

Kurzbeschreibung

Marcus Braun läßt den König Raj Kethra, einen indischen Politiker und Bauspekulanten, auf der ersten Seite des Romans in einem Pariser Hotel durch die Schöne Sophie umbringen, diese sich in ein Flugzeug setzen und dort auf den jungen, ungeschickten Architekten Goester treffen, der sich in die kaltblütige Mörderin verliebt.
Goester entdeckt in der amerikanischen Botschaft eine Verschwörung und versucht, dem Lauf der Geschichte eine andere Wendung zu geben. In einem grandiosen Spiel aus Kolportagen, Halbwahrheiten und Bedeutungsverschiebungen taumelt der glücklose Goester durch das reale und das vergangene Indien. Der Leser erfährt von den 32 Observatoriumsbausteinen, einer Himmelskarte aus Haut, trifft auf einen Fluginsektenforscher und erlebt die schöne Sophie als Grenzgängerin zwischen Realität und Phantasie.

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1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Was ist Wahrheit?, 16. Juli 1999
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Delhi (Gebundene Ausgabe)
Was ist Wahrheit? Diese Frage steht am Anfang christlich-abendländischen Denkens. Marcus Braun kommt mit „Delhi" zu einer Antwort, die zwar nicht neu ist, aber jede naive Lesart im Keim erstickt. Es gibt viele Wahrheiten, soviel sei an dieser Stelle verraten. Wir fiebern zusammen mit Goester, dem somnambulen Held dieses Romans, dem Reiseziel Indien entgegen. Damit ist alles Verläßliche gesagt, wollen wir so etwas wie eine fiktive Wirklichkeitsebene festhalten. Vielleicht noch, daß eine begehrenswerte Frau, nennen wir sie Sophie oder Sophya, eine Rolle spielt. Vielleicht findet die Begegnung zwischen Goester und ihr aber auch in Paris statt, das wird nur Marcus Braun wissen. Aber vielleicht ist das genauso wichtig, als fiele in Goa eine Kokosnuß zu Boden, oder es kippte in Rot-China der sprichwörtliche Sack Reis. Nach ominösen Verwicklungen mit Geheimdiensten und einer kalblütigen Agentin, nach rätselhaften Postkarten und zahlreichen handlungstechnischen Sackgassen ist eins klar: Dieser Goester ist entweder ein totaler Schizo oder permanent auf Psycho-Drogen. Er will ein Drehbuchschreiber sein, aber ihm fehlt gänzlich die übergeordnete Kontrolle. Traumsequenz an Traumsequenz. Freud hätte seine helle Freude gehabt an diesem Sandburgen bauenden, mit Blechschiffchen spielenden Träumer Goester, so reich sind dessen Phantasien an Sexualsymbolik und traumatischen Kindheitserlebnissen. Goester ist Architekt, doch er schreibt an seine Mutter, daß er niemals ein Haus bauen wird. Statt dessen jagt er durch Delhi und leidet unter Verfolgungswahn. Jede Kleinigkeit hat eine Bedeutung, ist Bestandteil eines höheren Systems. „Und irgendwann kriegen sie dich doch", fiebert ein betrunkener Goester, „Schach. Morgen ist kein Tag mehr.", deliriert er matt. Indien, Land der Mystik, des Unbegreifbaren, hat ihn voll erwischt. Man könnte Braun die Freude machen, seinen Roman systematisch zu entschlüsseln. Ein findiger Interpret könnte titeln: „Delhi und die Systematik des Schachspiels", oder „Schlangensymbolik in Delhi." Doch scheint es gerade Brauns Absicht zu sein, falsche Fährten zu legen, mit Symbolik zu spielen, Chaos zu stiften. Es sind die Verwirrungen des Zöglings Goester, der in der Fremde keinen Halt findet und sich doch innerlich dorthin gezogen fühlt. Seine pädophil ausgerichtete Libido kann er befriedigen, ohne sie letztlich trotz eines überdeutlichen Traumes zu reflektieren: Darin schläft er mit einem Kind, das zwischen den Schenkeln Sophies liegt. Goester vermag es nicht, seine rauschhafte Kommunikationslosigkeit zu überwinden und, so endet eine von Brauns Versionen, wird ermordet. Doch vielleicht ist die Wasserleiche auch die eines anderen jungen Mannes. Jemand bestätigt es nicht. Braun spielt mit Konstruktionen und dekonstruiert die Vorstellung von Wirklichkeit mit einer genial wandelbaren Sprache. So läßt er an einer Stelle aus dem Off verlauten: „Vielleicht wäre es hilfreich, noch erkennbare Tatsachen aufzuzählen, die als Prämissen die Basis nachvollziehbarer Schlüsse bilden könnten." Mehr Hohn auf die wissenschaftliche Textinterpretation ist schwer denkbar. Dem Leser wird praktisch vorgeführt, wie gefangen er von der Idee ist, eine Wirklichkeit vorauszusetzen, von der er ausgehen kann. Zugleich sind in „Delhi" historische Fakten wie das Attentat auf Indira Ghandi eingestreut, die aber keineswegs eine chronologische Strukturbildung ermöglichen: Für gestern und morgen, so werden Goester und wir belehrt, gibt es im Indischen eben nur ein Wort („Kal"). Indien, Mutter aller Mystik, ein Land, in dem alles möglich ist, weil alles wahr sein kann, und wenn es nur einen Tag lang wahr ist. Phantasie und Wirklichkeit spielen eine Runde Poker um die Wahrheit, und beide bluffen verdammt hoch. Goester ist Bestandteil des Spiels und versteht doch selbst gar nichts davon, wie ein opaker Fluginsektenforscher in „Delhi" ganz richtig bemerkt. Ein Held, der wie ein Nachtfalter benommen gegen die Lampe fliegt und sich schließlich die Flügel verbrennt. Einer, der erst nach zehn Minuten feststellt, daß er im falschen Hotelzimmer gelandet ist. Doch immerhin einer „mit einer Vorliebe für phantastische Geschichten." Denn so erkennbar ehrgeizig Brauns Konstruktionen auch sein mögen, sie nehmen einem nicht die Freude und Spannung beim Lesen. Das ist die große Stärke dieses Buches. Braun überläßt es dem Leser, sich einen Kern aus seiner Geschichte zu schälen, den er für die Wahrheit hält. Denn auf die Frage „Was ist Wahrheit?" kann es nur eine Antwort geben: Jeder hat seine eigene. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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