Dunkel war's
Ein ambitionierter Romanerstling
von Marcus Braun
Es gibt Autoren, die sich viel Mühe gegeben haben. Und die sich überdies viel Mühe geben, durch forcierten Witz zu verstecken, dass sie sich viel Mühe gegeben haben. Marcus Braun aber gibt am Schluss seines knappen Romans mit dem kurzen Titel «Delhi» zu erkennen, dass er hart gearbeitet hat (nämlich von «Oktober 1994 bis Dezember 1997»), um diesen angestrengten Roman zu schreiben. Die Mühe hat nur bedingt gelohnt.
Warum? Weil der Roman zu klug ist und seine Klugheit immer wieder plakativ ausstellt. Sätze wie «Es geht nicht um wahr und unwahr. Es geht nur um die Funktion im Kalkül» durchziehen, durchkreuzen und zerstören die Geschichte, die durchaus über den Stoff verfügt, aus dem die bündigen Romane sind. Ein junger Architekt, dem im Studium der Satz «Form follows function» wohl ein wenig zu häufig eingebläut wurde, fliegt, acte gratuit, nach Indien. Schon im Flugzeug trifft er einen leitenden Herrn der US-Botschaft. Kaum angekommen, wird er in Mordpläne verwickelt, die gegen einen radikalen Hindu-Politiker gerichtet sind. Überdies verliebt er sich ausgerechnet in die schöne Agentin, die diesen Plan ausführen soll und mit der er besonders gerne über Tiere, Gebäude und Sterne spricht. Er will das Projekt durchkreuzen, doch am Ende ist er der Tote.
Man kann die Geschichte, da sie unablässig erzählt, dass es nicht um wahr und falsch geht, auch ganz anders nacherzählen. Goester ist ein schwerer Trinker, Sternegucker, Träumer, Kinogänger. Ihm geraten die Dinge stets durcheinander. Damit der Leser diese Konstruktionstechnik auf jeden Fall bemerkt, beschreibt sie sich selbst. Goester verfügt über die Fähigkeit, so wahrzunehmen, dass Vorder- und Hintergrund vertauschbar werden wie auf einem Bild von Escher dessen Name denn auch prompt genannt wird.
Seinen Manierismus stellt das Buch auch sonst so überdeutlich aus, dass kein Zweifel daran aufkommen kann, dass sein Ziel die Vernichtung von Deutlichkeit und Eindeutigkeit ist. Um dieses Ziel zu erreichen, aktiviert Braun das ganze dazu zur Verfügung stehende literarische Arsenal: Anagramme, Palindrome (eine Katze heisst Rupakkapur), Negationen, Rahmungen, Wechsel von Erzählperspektiven, Allusionen («Fatalismus der Geschichte» aha: Büchner) und Katachresen wie «Er rauchte wie ein Ertrinkender».
Zahlenspiele haben es Marcus Braun besonders angetan. Die Zweierpotenzen müssen dran glauben, um klassische Beglaubigungsstrategien von fiktionalen Texten zu dekonstruieren, nein: zu destruieren und zu belegen, welcher Potenzierungen die vorliegende Prosa fähig ist. 8×4 Kapitel weist der Band auf, macht 32. Das ist die Zahl, die, wenn man sie nochmals verdoppelt, die Felder eines Schachspiels ausmachen. Natürlich folgt der Hinweis, dass Kasparow Hjartson in 32 Zügen besiegt hat.
Nun wäre alles wunderbar, wenn Brauns Roman so faszinierend wäre wie ein Bild von Escher oder eine Schachpartie von Kasparow. Ist er aber nicht. Denn das Eigentümliche ist, dass Braun sich in ein wenig produktives Paradox verliert: Dass hienieden und insbesondere in Indien alles undeutlich ist, wird überdeutlich. So überdeutlich wie der Wink mit dem Zaunpfahl, den der Schlusssatz gibt. Goesters Mutter erhält (natürlich absenderlos, natürlich am falschen Ort abgeschickt) ein Polaroid-Photo ihres toten Sohnes. «Es zeigte ihn im Schulterstand auf zwei kleinen Mäuerchen. ( . . .) Die Mutter (. . .) steckte das Photo falsch herum in die Verglasung des Wohnzimmerschranks.»
Marcus Braun ist einem Manierismus erlegen, der kein Widerlager mehr findet. Sätze wie «Auch jetzt kam es nicht auf den Sinn der Worte an» oder «Auch diese Geschichte darf bezweifelt werden» können von hohem Reiz sein (wie z. B. Paul Wührs grossartiger Roman «Das falsche Buch» zeigt). Doch Marcus Braun schreibt, als wolle er das alte Paradox eines Raffael ohne Hände Schrift werden lassen. Gleichwohl ist die Lektüre des Bandes nicht bloss eine verlorene Anstrengung. Denn sie zeigt, wie und woran auch sehr ausgefuchste Literaturkonzepte scheitern können.
Wenn es denn überhaupt eine Zauberformel für geglückte Literatur gibt, dann wohl diese: Sie muss unwahrscheinliche Realitätsversionen so präsentieren, dass sie stimmig scheinen. Den ersten Teil des Kriteriums erfüllt Brauns Roman: Er ist outriert klug und also vom Common sense weit entfernt. Aber er ist seiner Klugheit narrativ nicht gewachsen. Und so verfehlt er den zweiten Teil des Kriteriums. «Ich muss irgendwann einen grossen Fehler gemacht haben, sagte Goester», schreibt Marcus Braun, zitiert zustimmend der Rezensent und findet vermutlich auch der geneigte Leser.
Jochen Hörisch
Marcus Braun läßt den König Raj Kethra, einen indischen Politiker und Bauspekulanten, auf der ersten Seite des Romans in einem Pariser Hotel durch die Schöne Sophie umbringen, diese sich in ein Flugzeug setzen und dort auf den jungen, ungeschickten Architekten Goester treffen, der sich in die kaltblütige Mörderin verliebt.
Goester entdeckt in der amerikanischen Botschaft eine Verschwörung und versucht, dem Lauf der Geschichte eine andere Wendung zu geben. In einem grandiosen Spiel aus Kolportagen, Halbwahrheiten und Bedeutungsverschiebungen taumelt der glücklose Goester durch das reale und das vergangene Indien. Der Leser erfährt von den 32 Observatoriumsbausteinen, einer Himmelskarte aus Haut, trifft auf einen Fluginsektenforscher und erlebt die schöne Sophie als Grenzgängerin zwischen Realität und Phantasie.