Was ist Wahrheit? Diese Frage steht am Anfang christlich-abendländischen Denkens. Marcus Braun kommt mit „Delhi" zu einer Antwort, die zwar nicht neu ist, aber jede naive Lesart im Keim erstickt. Es gibt viele Wahrheiten, soviel sei an dieser Stelle verraten. Wir fiebern zusammen mit Goester, dem somnambulen Held dieses Romans, dem Reiseziel Indien entgegen. Damit ist alles Verläßliche gesagt, wollen wir so etwas wie eine fiktive Wirklichkeitsebene festhalten. Vielleicht noch, daß eine begehrenswerte Frau, nennen wir sie Sophie oder Sophya, eine Rolle spielt. Vielleicht findet die Begegnung zwischen Goester und ihr aber auch in Paris statt, das wird nur Marcus Braun wissen. Aber vielleicht ist das genauso wichtig, als fiele in Goa eine Kokosnuß zu Boden, oder es kippte in Rot-China der sprichwörtliche Sack Reis. Nach ominösen Verwicklungen mit Geheimdiensten und einer kalblütigen Agentin, nach rätselhaften Postkarten und zahlreichen handlungstechnischen Sackgassen ist eins klar: Dieser Goester ist entweder ein totaler Schizo oder permanent auf Psycho-Drogen. Er will ein Drehbuchschreiber sein, aber ihm fehlt gänzlich die übergeordnete Kontrolle. Traumsequenz an Traumsequenz. Freud hätte seine helle Freude gehabt an diesem Sandburgen bauenden, mit Blechschiffchen spielenden Träumer Goester, so reich sind dessen Phantasien an Sexualsymbolik und traumatischen Kindheitserlebnissen. Goester ist Architekt, doch er schreibt an seine Mutter, daß er niemals ein Haus bauen wird. Statt dessen jagt er durch Delhi und leidet unter Verfolgungswahn. Jede Kleinigkeit hat eine Bedeutung, ist Bestandteil eines höheren Systems. „Und irgendwann kriegen sie dich doch", fiebert ein betrunkener Goester, „Schach. Morgen ist kein Tag mehr.", deliriert er matt. Indien, Land der Mystik, des Unbegreifbaren, hat ihn voll erwischt. Man könnte Braun die Freude machen, seinen Roman systematisch zu entschlüsseln. Ein findiger Interpret könnte titeln: „Delhi und die Systematik des Schachspiels", oder „Schlangensymbolik in Delhi." Doch scheint es gerade Brauns Absicht zu sein, falsche Fährten zu legen, mit Symbolik zu spielen, Chaos zu stiften. Es sind die Verwirrungen des Zöglings Goester, der in der Fremde keinen Halt findet und sich doch innerlich dorthin gezogen fühlt. Seine pädophil ausgerichtete Libido kann er befriedigen, ohne sie letztlich trotz eines überdeutlichen Traumes zu reflektieren: Darin schläft er mit einem Kind, das zwischen den Schenkeln Sophies liegt. Goester vermag es nicht, seine rauschhafte Kommunikationslosigkeit zu überwinden und, so endet eine von Brauns Versionen, wird ermordet. Doch vielleicht ist die Wasserleiche auch die eines anderen jungen Mannes. Jemand bestätigt es nicht. Braun spielt mit Konstruktionen und dekonstruiert die Vorstellung von Wirklichkeit mit einer genial wandelbaren Sprache. So läßt er an einer Stelle aus dem Off verlauten: „Vielleicht wäre es hilfreich, noch erkennbare Tatsachen aufzuzählen, die als Prämissen die Basis nachvollziehbarer Schlüsse bilden könnten." Mehr Hohn auf die wissenschaftliche Textinterpretation ist schwer denkbar. Dem Leser wird praktisch vorgeführt, wie gefangen er von der Idee ist, eine Wirklichkeit vorauszusetzen, von der er ausgehen kann. Zugleich sind in „Delhi" historische Fakten wie das Attentat auf Indira Ghandi eingestreut, die aber keineswegs eine chronologische Strukturbildung ermöglichen: Für gestern und morgen, so werden Goester und wir belehrt, gibt es im Indischen eben nur ein Wort („Kal"). Indien, Mutter aller Mystik, ein Land, in dem alles möglich ist, weil alles wahr sein kann, und wenn es nur einen Tag lang wahr ist. Phantasie und Wirklichkeit spielen eine Runde Poker um die Wahrheit, und beide bluffen verdammt hoch. Goester ist Bestandteil des Spiels und versteht doch selbst gar nichts davon, wie ein opaker Fluginsektenforscher in „Delhi" ganz richtig bemerkt. Ein Held, der wie ein Nachtfalter benommen gegen die Lampe fliegt und sich schließlich die Flügel verbrennt. Einer, der erst nach zehn Minuten feststellt, daß er im falschen Hotelzimmer gelandet ist. Doch immerhin einer „mit einer Vorliebe für phantastische Geschichten." Denn so erkennbar ehrgeizig Brauns Konstruktionen auch sein mögen, sie nehmen einem nicht die Freude und Spannung beim Lesen. Das ist die große Stärke dieses Buches. Braun überläßt es dem Leser, sich einen Kern aus seiner Geschichte zu schälen, den er für die Wahrheit hält. Denn auf die Frage „Was ist Wahrheit?" kann es nur eine Antwort geben: Jeder hat seine eigene. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)