Caro Emerald - kann man sie in eine Schublade stecken? Das ist so in etwa: Retro-Pop, Jazz, Swing, Mambo, vorgetragen von einer Frau, der man aufs Schönste anmerkt, wie sie ihre Auftritte genießt. Ihren Hang zu Eleganz und Opulenz spielt voll aus, steckt ihre Rubensfigur selbstbewusst in figurbetonte Kleider. Das alles genügt natürlich nicht für einen guten Auftritt, hinzu kommen eine klare, von zart bis kraftvoll überzeugende emphatische Stimme und ein kreatives musikalisches Talent. Mit einem Wort kann man Caro als Diva bezeichnen; schön, dass es das noch gibt. Über die Musik und Einflüsse aus dem klassischen Hollywood habe ich ausführlich bei der Rezension ihres Studio-Albums "Deleted Scenes from the Cutting Room Floor" berichtet, hier ein paar Ergänzungen zu ihrem Live-Auftritt.
Zur CD ist lobend zu sagen, dass mir kaum ein Künstler bekannt ist, der so variationsreich und doch unverwechselbar er selbst ist. Caro spielt im Wesentlichen die Stücke ihrer Studio-CD in oftmals interessanten, klanglich abgewandelten Arrangements. Das Grandmono Orchestra ist ohrenscheinlich in großer Besetzung angetreten, was z.B. in dem einleitenden Zoot Suit Theme für klassischen Big-Band-Sound sorgt, wie es ihn in dieser nostalgischen Üppigkeit auf der Studio-CD nicht gibt. Am anderen Ende der Skala sind leise, zarte Einleitungen zu den bekannten Songs zu nennen. Das südamerikanisch-romantische "Close to me" singt Caro nur zur (ohne Effekte gespielten) E-Gitarre, sehr intim, sehr zärtlich, sehr berührend. Vielleicht wird sie noch einmal zur im weitesten Sinne des Wortes klassischen Jazz-Sängerin, man traut es ihr ohne Weiteres zu und konnte beim Studio-Album insoweit noch nicht ganz sicher sein. Andererseits, sie will es ja auch gern einmal poppig, kombiniert den Big Bad Sound mit Beats und Scratching ihres DJs. Besonders dick aufgetragen ist ihr diesmal "The Lipstick on his Collar..." geraten, geprägt von ausladenden Einleitungen, Begleitungen und Zwischenspielen der hier trompetendominierten Blechbläser, die mexikanisch angehauchte Klänge präsentieren. In Film-Vergleichen gesprochen (und Caros Affinität zum Film lässt dies legitim erscheinen), könnte man sagen: "Lipstick" auf der Studio-CD ist eher James Bond, live war es eher der oft im mexikanischen Grenzgebiet spielende Italowestern. Was mir ehrlich gesagt zu der schummrigen Bar-Atmosphäre, in der der Text spielt, weniger gut als die Studioversion gepasst hat. Aber Caro hat hier Wagemut, es noch einmal völlig anders anzugehen. Insgesamt gilt, dass sich die Live-CD/DVD unbedingt auch für diejenigen lohnt, die die Studio-CD bereits haben.
Und sie lohnt sich für die, die bei einem Konzert in Deutschland waren. In Hamburg, wo ich am 9.11. Caro Emerald live erleben durfte, waren die Arrangements wieder ganz anders, das Orchester kleiner, die Performance insgesamt poppiger (was stilistisch, nicht wertend gemeint ist, und was bei "Lipstick" meines Erachtens zu einen Gewinn geführt hatte, s.o.). Amsterdam kam ohne die herrlichen Hintergrundbilder im Stile alter Filme aus, hatte aber eine ebenso ausgefeilte Farb- und Lichtchoreographie, oftmals mit monochromen, üppig-satten Primärfarben arbeitend, immer wieder glühendes Rot, natürlich passend zu allem Caros Kleider. Neben einem halblangen Feuerroten bezauberte insbesondere ein langes, grün-schimmerndes Seidenkleid, ein formvollendetes Abendkleid (das in Hamburg leider fehlte). Caro präsentierte die edle Robe erstmals zu der elegant-melancholischen Einleitung von "The Other Woman". Wenn sie zu traurigen Streicherklängen nach dem Kleiderwechsel die spärliche blau-grün erleuchtete Bühne betritt, zunächst noch im Schatten verbleibend, dann aber ins Licht tretend - das ist offen gestanden für mich der große Gänsehautmoment dieser DVD (geht es doch auch im Lied um eine betrogene Ehefrau, die sich im Schatten wähnt, aber dann der Konkurrentin selbstbewusst entgegensingt, dass letztlich diese das schwerere Schicksal habe, weil der Mann sie immer verschämt als "die andere" behandeln werde). Leider passt diese klassische Eleganz zu einigen der folgenden Songs nicht so gut. Die parodistische Frau-verknallt-sich-in-Arzt-Spaßnummer "Doctor Wannadoo" im langen Grünen? Kann man aber auch wieder als Kompliment sehen, dass Caros Kleiderwechsel mit den Stilwechseln nicht immer ganz mithalten konnten.
CD und DVD sind von erlesener Tonqualität, darüber hinaus ist die DVD nicht nur von einer für Caro typischen, (film-)nostalgischen Einleitung geprägt, sondern zeigt auch auf dem Konzert einen angenehmen Schnitt. Man sieht viel von Caro in Nahaufnahme, dazwischen aber auch Bühnentotale, einzelne Musiker, Publikum, ohne dass der Schnitt zu hektisch ist. Eines jedoch sieht man nicht - und ich kann mir kaum vorstellen, dass dies in Amsterdam anders als in Hamburg war. Caros Crossover-Stil zieht auch ein Crossover-Publikum an, der Amsterdam-Mitschnitt zeigt eher die Jugend, aber es trifft sich dort ein erstaunlicher Querschnitt. Abgesehen davon, dass Frauen stärker repräsentiert scheinen als Männer, geht so ziemlich jeder zu Caro: Von ganz jung bis schätzungsweise an die 80, Mütter mit ihren Töchtern, Teenager, Junge, Junggebliebene, Schriftstellerinnen, Professoren, alle dabei. Und am Ende alle ganz vorn dabei. Wer auf der DVD feststellt, dass in der Amsterdam Heineken Hall doch eine gewisse Barriere zwischen der ersten Reihe und der Bühne besteht, dem sei versichert: Das ist nicht überall so, man kommt mitunter sehr nah an Caro heran, kann zumindest einem ihrer Musiker ein Geschenk für sie in die Hand drücken, und sie gibt üblicherweise hinterher noch Autogramme. Also: CD und DVD muss man haben, sie sind wunderschön, aber zeigen nicht erschöpfend, wie Caro sein kann. Und so können wir nicht nur die bereits existierenden CDs, DVDs und Live-Auftritte trotz weitgehend gleicher Songs jeweils eigenständig genießen, sondern uns insbesondere auch auf Künftiges mit Neugier und Spannung freuen. Kompliment!