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Produktinformation
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Rainald Goetz verläuft sich in einer Erzählung
«Dekonspiratione» sollte der letzte Teil einer auf fünf Bände angelegten «Geschichte der Gegenwart» werden, an der Rainald Goetz in den letzten Jahren gearbeitet hat. Als Gegenpart zu dem Eröffnungsband «Rave», einer Erzählung über das Nachtleben, sollte der abschliessende Band ein Tagbuch sein, eine Erzählung über das Schreiben, die Medien, Freundschaften, Intrigen, etwas über die Unruhe der Schreibenden, die ihre Sätze und Texte an die überall lauernden Aussenwelten der Berufsbeobachter verlieren. Was bedeutet Schreiben, wenn es sich immerzu in diesen Aussenterrains behaupten muss? so hätte die zentrale Frage lauten können. Goetz hat «Dekonspiratione» in diesem Sinn als eine Medienerzählung verstanden, als Reflexion über die Verquickungen des Schreibens mit den Stoffen, Spiegeln und Personen, die das Schreiben begleiten.
Nun ist Rainald Goetz kein Autor, der dieses selbstgestellte Thema in einem packenden Plot einfängt, Figuren erfindet und damit die Erzählmaschinerie anwirft. In seinem Internet-Tagebuch «Abfall für alle» hat er vielmehr vorgeführt, worin die genuine Verlockung für sein Schreiben besteht: in Impulsen, Reizen, «Sendungen» von aussen, auf die er reagiert. Goetz schreibt aus dem Augenblick heraus. Nichts läuft diesem Schreibprojekt mehr entgegen als das Entfalten von Sequenzen, der Aufbau von Figuren, die konzentrierte Ruhe, die der epische Blick jedem Schreiber über Monate und Jahre abverlangt.
Wenn Goetz szenisch denkt, dann höchstens dialogisch, in kurzer Rede und Widerrede, in Fetzen eines Gesprächs. Wie kann aber aus solchen Voraussetzungen eine Erzählung entstehen? Goetz müsste sich diese Form gleichsam erst selbst erfinden, er müsste versuchen, seine Poetik mit dem Projekt einer fortschreitenden Entfaltung von Stoff und Geschichte zu konfrontieren. Das hätte ein spannendes Experiment werden können. «Dekonspiratione» ist jedoch nicht dieses Experiment, es ist vielmehr das Resultat einer Verkrampfung.
Trümmerhaufen
Ist Goetz ganz klar gewesen, auf was er sich da einliess? Man hat eher den Verdacht, dass er auf die Idee des fünften Bandes fixiert war und dass diese Idee ihn allmählich gelähmt hat. Das Nachtbuch «Rave» deutete das Konzept einer Goetz-Erzählung zumindest an, mit seinen harten Schnitten und den verhuschten, kurzen Dialogsequenzen. «Dekonspiratione» aber hat keine eigene Form gefunden, und so ist das Ganze am Ende ein blosser Trümmerhaufen von Anfängen.
Das beginnt ganz klein und so harmlos, wie Goetz wohl noch nie einen Text begonnen hat. Katharina hat sich mit ihrem Freund Benjamin gestritten, jetzt verschwindet sie für einige Tage nach München. Im ICE macht sie eine Bekanntschaft, man redet ein bisschen miteinander, dann ist es auch schon wieder vorbei. Vierzig Seiten ist so etwas lang, und man fragt sich, was da mit Goetz passiert ist. Katharina? Benjamin? Eine Zugfahrt? Also doch eine Geschichte?
Ja, richtig, eine Geschichte. Figuren, Motive, Psychologie. Und da hört es denn auf. Denn Goetz ist zu flott, um so etwas erzählen zu können. Er findet das richtige Tempo nicht für diesen Einstieg, ganz zu schweigen davon, dass diese vierzig Seiten an lauter uninteressante Details verschenkt sind. Nichts, was einen packt, statt dessen eine Überdosis manischer Koketterie, die Katharina keinen halbwegs normalen Handgriff gestattet. Eine Figur, lahmgelegt durch Gedankensprünge und das ewige Kreisen um Petitessen.
Solche Schwächen nehmen in den folgenden Kapiteln derart zu, dass man nicht weiterlesen würde, wenn das Buch nicht von Rainald Goetz wäre. Seitenweise offenbart sich dabei sogar eine beinahe kindliche Hilflosigkeit. Reflexionen zuhauf, aber doch keine, die man bei Goetz nicht schon gelesen hätte; daneben der andächtige, scheue Blick auf Momente und Szenen, in denen die Figuren herumstehen wie liebe Kinder.
Selbstbeobachtung
Goetz kann sich von ihnen nicht trennen, er kann sie nicht agieren lassen. Immerzu muss er in sie hineinschlüpfen, und prompt dreht sich die letztlich banale Selbstbeobachtungsmühle, die man im Normalfall mit zunehmendem Alter an die Jüngeren, mit Unsicherheit Geschlagenen, abgibt. Goetz aber hält an dieser jugendlichen Unsicherheit fest. Daher klammert er sich an lauter Figuren, die erheblich jünger sind als er selbst, er höhlt sie aus, um sich, den viel Älteren, in diese Staffage-Leiber zu implantieren.
Vor allem aber gerät Goetz sein Medienthema aus den Augen. Wenn Geschichten aus dem «Milieu» erzählt werden, dann bewusst kolportagehaft. Wenn Gespräche die Reibungen zwischen den Figuren deutlich machen sollen, dann gezielt vernuschelt und phrasenhaft. Das «Mediale» es ist im Text bloss daran zu erkennen, dass einige rote Signallämpchen anspringen, die so etwas wie eine Wichtigkeitsstufe signalisieren.
Vorne aber, wo Katharina, Benjamin und die anderen Figuren herumstehen müssen, bekommt man von dem allen nicht so richtig was mit. Das Thema lauert und rumort nur im Hintergrund, viel zu lang, bis dann doch . . ., ruckzuck, der heilige Rainald selbst in seine Erzählung fährt, «Ich» sagt, alles an sich reisst und alle lose herumhängenden Erzählfäden mit einem einzigen Sprachkommando abschneidet.
Endlich, die Fiktion ist vorbei, jetzt geht's um den Kosovo-Krieg, der ist jetzt das Thema, vor dem bricht die Erzählung zusammen. Goetz wechselt mitten im Buch das Genre, jetzt ist er wieder bei sich selbst, bei seiner knappen Tagebuch-Sprache, jetzt dürfen die Reflexionen endlich als seine eigenen erkennbar werden.
Das Reden über den Krieg zerschlägt die Erzählung, eine gewaltige «Gegenwart» fährt in all das Harmlos-Fiktive, das Goetz zuvor naiv wie ein Laienschauspieler aufgetischt hatte. Und plötzlich merkt man wieder, wie sehr dieser Autor die aufgeladenen Ereignisse braucht, die politischen Stoffe von aussen, an die er sein Sprechen anpassen kann. Einer wie er hat nichts zu erzählen, einer wie er lässt nicht zu, dass sich in ihm ein Zentrum bildet, aus dem heraus das Erzählmurmeln beginnen könnte, einer wie er hat eben keine Welt, er braucht eine mit heftigen Gefühlen und grossen Gesten aufgeladene, erst im Widerpart zu diesem Vorgegebenen kommt Goetz auf Touren.
Mitten im Text beginnt er davon zu berichten, wie der Krieg ihm die Erzählung lahmzulegen drohte. Und während er davon weiter erzählt und sich gleichsam in Quarantäne begibt, findet er langsam, wie vom Krankenbett aus, wieder den Weg zu seinen Figuren, die ihren Autor dann auch so begrüssen, als wäre er aus der Welt gewesen. «Mensch Benny!», sage ich, «endlich.» Und er: «Da bist du ja wieder. Der kranke Exilant. Wie war's denn?»
Doch dieser kleine Kunstgriff hilft nicht mehr, auch auf der höheren Erzählebene kippt die Erzählung einfach in sich zusammen. «Dekonspiratione» bleibt ein Buch, das an die Stärken von Rainald Goetz erinnert und seine Schwächen so gnadenlos aufdeckt wie bisher noch keines seiner Bücher.
Hanns-Josef Ortheil -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Die Krise kommt später, im Zug nach München, kurz hinter Kassel, unterbrochen nur von Momenten der Zuversicht, "dass alles richtig ist. Dass alles gut wird." Benjamin bleibt in Berlin zurück. Er arbeitet für die Firma "Public Sword" und entwickelt neue Formate für Talkshows. Aktueller Auftrag ist die Reformierung der Harald-Schmidt-Show. Die neue wöchentliche Talkshow, so das Konzept, soll "Nothing Special" heissen und nach Art des "Literarischen Quartetts" über Sendungen der jeweils vergangenen Woche diskutieren.
Ein Hauptgegenstand der Erzählung "Dekonspiratione" ist - ganz klar - unsere Medienwelt. Kein anderer Schriftsteller setzt sich so intensiv mit den Medien auseinander wie Rainald Goetz, kein anderes ¼uvre wird so direkt von Daten aus der Medienwelt gespeist wie seines. "Dekonspiration" meint dabei das Gegenteil von "Konspiration", meint "Offenbarung" und "Enttarnung". Es geht um die Freilegung und Bestimmung der Mechanismen, der "Arbeitsprinzipien", der "Ziele und Absichten", auf deren Basis konkret Programm- und Medienpolitik betrieben wird. Goetz leitet den Begriff der Konspiration aus dem "Wörterbuch der Staatssicherheit" her, und er verhandelt in seiner Erzählung den Fall des IM Schrödinger, der - just enttarnt - mit "Barschel-Blick" der Medien-Hetze zu entkommen sucht: "Realität als Grauwert, Schuld, Verfahren, Bemühen, Moral. Aber ordentliche Zertifikate für Güte und Richtigkeit, für Nicht so Böses und den einen Augenblick von vielleicht alles entscheidendem Takt auch nur, mehr nicht [...]. Dieses ganze Gewurle des Lebens. Eine Banalität, klar. Aber in einem konkreten einzelnen Fall diesen Aspekt wirklich zu erwägen ist nicht banal: wie die Schuld im Einzelnen passiert, gesellschaftlich alltäglich und praktisch fast nur in mikroskopischer Dimension."
Überhaupt hat Zeitgeschichte in dieser Erzählung ihre Spuren hinterlassen. Viele Daten aus der wirklichen Welt geben uns Orientierung: Die Dokumenta X von 1997, die Entmachtung Sigrid Löfflers als Kulturchefin der "Zeit" im Sommer 1999, der 11. August, der Tag der Sonnenfinsternis, der Krieg auf dem Balkan und der Einsatz von Nato-Truppen. Ein Ereignis, der Machtwechsel 1998 in Bonn, fällt mit einer schweren Krise des Erzählers zusammen. Dieser Erzähler hat, wie Goetz, gerade ein Mammut-Projekt zu bewältigen, eine rasche Abfolge von Büchern, identifizierbar als das Theaterprojekt "Jeff Koons", die Textsammlung "Celebration", das Internet-Tagebuch "Abfall für alle" und die Erzählung "Dekonspiratione", das Gegenstück zur bereits erschienenen Erzählung "Rave" (1998). "Dekonspiratione" soll das Mittelstück jenes umfassenden Leben-Werk-Projekts werden, das unter dem Harald-Schmitt-Motto steht "Heute morgen, um 4 Uhr 11, als ich von den Wiesen zurückkam, wo ich den Tau aufgelesen habe".
Die Fertigstellung hat Vorrang, aber sie verzögert sich. Die Krise, die den Autor erfasst hat, wird existenziell. Es dauert, bis sich der erschöpfte Erzähler an den Gedanken gewöhnt und sein Scheitern akzeptiert: "Ich nehme die Kapitulation an." Der realen entspricht eine fiktionale Kapitulation und wird später Teil der Darstellung. Mit "Krise" ist das vierte Kapitel der Erzählung "Dekonspiratione" überschrieben, die erst mit einem Jahr Verzögerung erscheinen kann.
Ein Aspekt dieser Erzählung bedarf der besonderen Hervorhebung: Denn alles, was in "Dekonspiratione" erzählt wird, hat offenbar einen realen Hintergrund. Der Ich-Erzähler, der hier auftritt, scheint mit Rainald Goetz identisch zu sein. Alle Daten seiner biografischen Realität entsprechen genau der Lebensrealität des Erzählers - soweit man das als Aussenstehender und als Leser etwa des Internet-Tagebuchs "Abfall für alle" beurteilen kann. Wenn es aber real ist, wie kann es dann Fiktion sein? Welchen Stellenwert hat dann das Buch für unsere Literatur? Und wie dürfen wir das Wort "Erzählung" verstehen, die Gattungsangabe von "Dekonspiratione"?
Offenbar geht es dem Projekt darum, beides zu sein, Literatur und Realität, offensichtlich möchte der Autor eigene Erfahrung "in die Nähe richtiger Literatur" führen, um genau den Punkt zu treffen, wo die dargestellte Welt gerade noch autobiografisch vor-literarisch ist (und auch als solche erkennbar), streng genommen aber schon der Literatur zugeordnet werden muss. Denn "Dekonspiratione" erscheint im literarischen Programm eines angesehenen Verlages, nennt sich "Erzählung", funktioniert ganz pragmatisch markttechnisch als literarische Neuerscheinung und entfaltet fiktionale Erzählstrategien. Das autobiografische Wissen über Rainald Goetz ist daran gemessen sekundär und per se irrelevant. Nicht jedoch für die Poetologie, die Goetz mit seinem Projekt verbindet und auch mehr oder weniger explizit zum Ausdruck bringt. Ihm geht es, genauer, seinen Texten geht es um die Realisierung einer solchen "pragmatisch-ideale[n] Real-Poetologie", die quasi "experimentell" am Schreiber-Ich entlang entsteht.
Das klingt theoretisch kompliziert und ist es wohl auch. Bezogen auf die konkrete Umsetzung durch Rainald Goetz ist diese Poetik weniger kompliziert, weil Goetz auch Theorie wunderbar zu erzählen weiss: "Das ist mein Buch über das Schreiben", sagt er im Krisen-Kapitel, "das ich hier erlebe, das sich hier abspielt, und ich bin selber mitten drin, ich bin zu nahe dran. Ich kann es nicht schreiben."
Schreiben kann er es schließlich doch. Und offenbar gelingt Rainald Goetz hier das Besondere: Eine Erzählung am Leitfaden der eigenen Erfahrung zu entwickeln, gleichwohl ein "strenges Programm" einzuhalten und zugleich literarische Kompositionstechniken zu erproben, die nicht einfach aus der Tagebuchform oder der Autobiografik entlehnt sind. So werden die einzelnen Kapitel streng programmatisch durch gezielte Textgesten vielfach miteinander verknüpft.
Der Ich-Erzähler reformiert sein Erzählprojekt und vollendet seine helle Erzählung "Dekonspiratione" als Gegenstück zu "Rave". "Später", heisst es gegen Ende, "taumelten wir selig durch den Raum. [...] Neben mir spürte ich den Körper der Frau, in die ich verliebt bin." (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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