Krzysztof Kieslowski versucht die Zehn-Gebote in unsere heutige Zeit zu übertragen.
Dabei moralisiert er nicht, noch verurteilt er seine Protagonisten, sondern er versucht ihre Handlungen und Motive zu beschreiben. Der Zuschauer soll "wertneutral" verstehen, warum eine Person so handelt, wie es zu einer bestimmten Handlung kommt und welche tatsächlichen "Regeln" sich dahinter verbergen. Die Filme leben stark von Bildern und Symbolen. Kieslowski kann man nur verstehen, wenn man genau hinschaut, nicht nur mit dem Verstand sondern auch mit dem notwendigen Maß an Empathie.
Empathie bedeutet nicht, dass man die Handlungen des anderen befürwortet, es geht Kieslowski vielmehr um die christliche Forderung: "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein". Gerade hier wird der Dekalog besonders spannend, weil er die "Regeln" aus dem alten Testament mit den neueren christlichen Geboten vermengt. Beispiel: "Ein Kurzer Film über die Liebe". Dabei geht es um das alte Gebot "Du sollst nicht Ehebrechen" Krzysztof Kieslowski verdeutlicht hier den dahinter liegenden Kern des Gebotes, der lautet: "Du sollst keine Liebe zerstören".
Die Symbolsprache des Films ("Ein Kurzer Film über die Liebe") ist so vielschichtig, dass man bei jedem Ansehen des Films neue Fassetten entdeckt. Wenn Sie den Film sehen, achten Sie z.B. mal auf den weiß gekleideten Mann mit Koffer und fragen sich, warum kommt er gerade in diesem Moment, wann geht er wieder und welche Figur könnte diese Person symbolisieren. Vergleichen Sie dann dieses Konzept mit den alttestamentarischen Vorstellungen, wo sind die Unterschiede? Man sollte unbedingt die separate Kinofassung des Films sehen. Hier betont Kieslowski am Ende des Films stärker die Aspekte Hoffnung, Liebe und Glaube (ganz im Sinne des Paulusbriefes). Dagegen erscheint die Dekalogfassung relativ kalt, hart und hoffnungslos (wo bleibt die liebe Gottes zu den Menschen und wo bleibt das Verzeihen).
Für manche mag der Dekalog flach und langweilig sein. Möglicherweise kann man jedoch Kultur, Schönheit oder eine gewisse intellektuelle Tiefe in den Werken eines anderen Menschen nur dann erkennen, wenn die Grundlagen hierzu in einem selbst gelegt sind. Frei nach Georg Simmel: "Man sieht nur das, was man bereits kennt". Manchmal braucht man ein wenig Zeit, um bestimmt Dinge zu verstehen. Diese Zeit sollte man sich beim Dekalog nehmen. Kieslowski, der leider viel zu früh gestorben ist, würde vielleicht sagen, nicht so schnell Urteile fällen und gleich die Steine ausgraben, mit denen man die Werke eines anderen Menschen erschlägt. Erst einmal hinschauen, (mit)fühlen und verstehen, dann kommt die "Liebe" (auch zu dieser Dekalog-Verfilmung) von ganz allein...
Das hat nichts mit Gefühlsduselei zu tun, sondern mit der Frage, wie gehe ich durchs Leben. Es ist auch unabhängig davon, welchen Glauben man hat oder ob man sich als Atheist bezeichnet. Zu den ethischen Fragen, die Kieslowski in modernisierter Form aufzeigt, sollten wir uns alle Gedanken machen. Es sind die Grundlagen unserer heutigen Zivilisation.