Diese Erzählung demonstriert im Kleinen die Stärken und Schwächen des Erzählers Michael Köhlmeier: Seine größte Stärke ist zweifellos das wortwörtliche, das mündliche Erzählen; nicht zufällig wurde er durch das ORF-Hörbuch mit den Nacherzählungen der griechischen Sagen einem breiten Publikum bekannt. Vor einigen Wochen hörte ich eine Lesung - oder besser, eben eine Erzählung - des Autors im Wiener Konzerthaus, wo er eine Tour de Force durch die griechische Sagenwelt zum Besten gab - 4 Stunden lang, und nie langweilig! Kurz und gut: Als Erzähler ist Köhlmeier brillant!
Das weiß der Autor offensichtlich auch selber; daher ist die vorliegende Geschichte auch als Erzählung des (namenlosen) Ich-Erzählers verfasst, der die Handlung Köhlmeier im Café erzähle. Diese Rahmenhandlung ist dramaturgisch überflüssig, aber sie liefert eben den Vorwand, um einen Ich-Erzähler einzuführen. Und der erzählt dann also munter drauf los...
Der Erzählton wirkt authentisch und ist stilsicher konzipiert. Das heißt dann freilich auch, dass der Text viele Redewendungen, Floskeln, Prasen und Wiederholungen enthält, die für wörtliche Rede typisch sind, in schriftlicher Form aber den Lesefluss oft stören, bestenfalls den Text unnötig in die Länge strecken. Hier sind diese Längen aber wohl ein Symptom für Köhlmeiers grösste Schwäche: In einer anderen seiner Lesungen, die ich mal besucht habe, berichtete er von seiner Form des Schreibens: Er erfinde Figuren, setze sie gewissen Situationen aus und warte dann gewissermaßen ab, was sich daraus entwickelt (um mal meine Worte zu benutzen); die Handlung stehe also nicht von vornherein fest, sondern entwickle sich während des Schreibens.
Angesichtsdessen kann ich mir unschwer ausmalen, wie die vorlegende Geschichte zustande gekommen ist: Es beginnt mit einer Situation wie aus einem Alptraum: Man steigt aus einem Zug aus; dieser fährt ab und lässt einen irgendwo im nirgendwo zurück, mittellos und ohne Kontakte. Dann lässt der Erzähler den Protagonisten einige Zeit durch die Gegend irren, lässt ihn in einem Haus Unterschlupf suchen, und dann... Ja, was könnte jetzt kommen? Na klar, eine Frau! Eine Liebesgeschichte...
Das alles ist immer gekonnt erzählt, aber man merkt überdeutlich, dass der Autor nicht weiß, wo er hin will, und eigentlich kommt er auch nirgends an. Die Entwicklung und Gestaltung klassischer Plots, die Dramaturgie einer Erzählung, das liegt Köhlmeier kaum; daher ist er am besten, wenn er vorhandene, bewährte Plots nacherzählen kann: Eben die klassischen Sagen, die biblischen Geschichten, Shakespeare gar... Hier hat er versucht, eine eigene Geschichte zu entwerfen, und obwohl die Erzählung ziemlich lang ist, wirkt sie eher wie ein unfertiges Bruchstück; so gesehen, passt es auch, dass der Bericht des Protagonisten ohne klares Ende abbricht.
Fazit: Wer Köhlmeiers Erzählstil mag, wird auch diese Geschichte mögen; wer 'ordentliche' Plots und Handlungen bevorzugt, dürfte enttäuscht sein.