Die östliche Welt wird von vielen von uns geschätzt, weil sie große Traditionen von Achtsamkeits-Pfaden hervorgebracht hat. Ihr Ziel bestand dabei in Erleuchtung und Verwirklichung. Auch das christliche Abendland hatte in seiner frühen Phase eine starke mystische Strömung, die sich aber nur rudimentär durch die Zeiten retten konnte.
Stattdessen hat der Westen, inspiriert auch von den Achtsamkeitsübungen des Ostens, in neuerer Zeit (20.Jahrundert) Methoden entwickelt, den menschlichen Geist von Neurosen zu befreien und das Menschsein mehr in der Fülle eines bejahten Lebens zu verorten.
Zu den ganz großen Würfen zählte dabei die humanistische Psychologie, die von Carl Rogers auch mit modernen empirischen Methoden entwickelt wurde. Das Hauptaugenmerk lag dabei natürlich auf der Selbstaktualisierung des neurotischen, "krankhaften", Geistes, wie er sich in der Psychotherapie zumeuist darbietet.
Jedoch wurde schnell klar, dass die Achtsamkeitsbasierten Techniken der humanistischen (klientenzentrierten) Therapie Effekte zeitigen können, die gelegentlich den Effekten der östlichen meditativen Achtsamkeitsübungen ähneln, auch wenn sie nicht das gleiche Endziel verfolgen: Ein größerer Reichtum des Lebens, gelassene Distanz zu seinen Wechselfällen, Aufbrechen neurotischer Charakterstrukturen, größere Spontaneität des Lebensvollzugs - mehr "Sein" als "Haben", mehr Heimat im Augenblick...
In der Tradition von Carl Rogers entstanden dann zwei weitere Abkömmlinge der humanistischen Psychologie, die nicht weniger beachtlich sind. Zum einen eine neue Theorie und Praxis der menschlichen Kommunikation, nämlich die "Gewaltfreie Kommunikation" (GfK, siehe meine Rezension von Rosenbergs Buch), und das "Focusing", dessen Wirkungsfeld nicht die Kommunikation sondern der menschliche Leib ist.
Focusing verbindet mit der Weisheit des eigenen Körpers und macht uns bewußt, dass wir Psycho-(wie auch)-Physiche Wesen sind, und dass der Weg zu einem größeren Reichtum des Lebens über die Weisheit des Körpers gehen muss(?) - oder wenigstens kann(!).
Genauso wie bei der Klientenzentrierten Therapie und der Gewaltfreien Kommunikation ist das Instrument der Transformation die a.) Achtsamkeit und b.) die bedingungslose Akzeptanz dessen, was uns der Körper an "Haltungen" zu bestimmten Themen bietet.
Das Buch von Klaus Renn ist reich gefüllt mit praktischen Übungen und gibt einen guten Überblick, was Focusing ist, und wie es funktioniert.
Der Autor ist Weise genug, an den Anfang seines Buches die Warnung zu stellen, dass man die Erkundung seines (auch oft gekränkten) Selbst auf eigene Gefahr unternimmt. Meines Erachtens können durch die Übungen auch frühe Traumata und sehr verstörende Erlebnisse hochgespühlt werden, weshalb ich von einem "do-it-yourself" eigentlich eher abraten würde. Ich begrüße dieses Buch dennoch, weil ich dadurch mit einer Achtsamkeitsbasierten Methode in Berührung gekommen bin, die ich so nicht kannte, und die vielen Menschen eine größere Fülle des Lebens ermöglichen könnte.
Mein Tip: Buch lesen und dann (vielleicht) einen erfahrenen Focusing-Therapeuten oder -Coach aufsuchen!