Ganz so pessimistisch wie zwei meiner Vorrezensenten sehe ich das Buch von Dr. Andrea Wolf nicht. Aber erst einmal ein paar Informationen zum Schreibstil, Inhalt und zum Aufbau: Zehn Kapitel, einschließlich Vorwort und Epilog, erwarten den Leser. Berufliche Erfahrungen und Beobachtungen auf ihren Spaziergängen sind in dieses kleine Buch eingeflossen, so schreibt die Autorin im Prolog, und dass sie die Leser nachdenklich machen will.
Das 2. Kapitel ist denkbar kurz mit seinen fünf Seiten: es geht darum, warum man ausgerechnet diesen einen Hund sein Eigen nennt. Zufälligerweise habe ich vor längerem ein ausgezeichnetes Buch zu diesem Thema gelesen:
Wenn du mich zähmst: Über unsere Beziehung zu Tieren. Warum suchen wir uns diesen und keinen anderen Hund aus? Leslie Irvine geht der Sache wirklich auf den Grund, im Gegensatz zu Andrea Wolf.
Die weiteren Kapitel beschreiben die von der Autorin identifizierten Problemfelder. Erst die Beobachtungen mit ein oder mehreren Beispielen, dann Übungen zur Lösung der Situation. Diese Übungen betreffen sowohl Veränderungen bei Herrchen oder Frauchen als auch Trainingseinheiten, die mit dem Vierbeiner durchzuführen sind. Auffallend bei all diesen Übungen ist, dass sie meiner Meinung nach sehr oberflächlich beschrieben sind. Kein Wunder, das Buch ist auch kurz und knapp und klein, wie soll es da funktionierende Lösungsansätze geben? Wie man es besser macht zeigt Patricia McConnell in ihrer
Erziehungskiste; die fünf Bände sind übrigens auch separat erhältlich.
Des Weiteren fällt der flapsige Schreibstil der Autorin auf. "Erschütternde Realitäten unserer Hunde-Mensch-Beziehungen" sollen zum Beispiel im dritten Kapitel angesprochen werden. Andrea Wolf übertreibt in ihren Formulierungen. Etwas ungewohnt für ein Sachbuch, das ich zu erwerben dachte. Indem sie jedoch Extreme aufzeigt, kann der eine oder andere Leser den Inhalt vielleicht besser akzeptieren. Andere Beispiele für ihre Wortwahl: es sind die "Hundekumpels", die da mit ihrem Vierbeiner spielen. Eine "flotte Hündin" interessiert ihn mehr als sein Besitzer. Hund wird mit den unterschiedlichsten Bezeichnungen versehen: Gierschlund, Faulpelz, Starrsinniger und mehr. Andrea Wolf scheint über ein endloses Reservoir an Alternativen zur Bezeichnung HUND zu verfügen. Sie gestaltet den Text sehr abwechslungsreich, das Lesen macht richtig Spaß (ohne jetzt den Inhalt zu werten). Nur sollte man es vorher wissen, was einen erwartet. Dass dies ein etwas anderer Ratgeber werden sollte, hätte man im Titel deutlich machen sollen sowie in der Produktbeschreibung/Rückseitentext.
Passend zu ihrem lockeren Schreibstil sind übrigens die witzigen Illustrationen von Stefan Schutz. Sie folgen dem Geschehen im Buch. Mir haben sie sehr gut gefallen.
Nun aber zum Inhalt des 3. Kapitels: Auch wenn die Beispiele überzogen sind - kaum jemand braucht eine Packung Heftpflaster um angekaute Fingerknochen zu verarzten - so ist das Phänomen der Ungeduld dennoch vorhanden.
Im 4. Kapitel geht es einerseits um ängstliche Hunde und andererseits um unsichere Menschen. Immerhin findet man hier auch einen der seltenen Literaturtipps der Autorin: sie verweist auf Nicole Wildes Buch
Der ängstliche Hund.
Nummer 5 ist den sogenannten Streberhunden gewidmet, denen man mit Abwechslung begegnen soll. Die Ideen, die man hier in den Übungen findet, sind tatsächlich interessant und lohnen einen zweiten Blick. Allerdings konnte ich der logischen Verknüpfung zum Strebertum nicht ganz folgen. Dennoch: Abwechslung ist immer eine gute Idee.
6. Wer bestimmt die Regeln? Dass die Autorin hier von Alpha-Status schreibt, ist in der Tat unglücklich. Dennoch ist eine Hausordnung wichtig und dies vermittelt sie auch sehr gut (trotz der Alpha-Sache). Die Übungen enthalten gute Ansätze.
Im 7. Kapitel geht es um Menschen, die den Hund als Aushängeschild verwenden. Sie identifiziert hier unnahbare und arrogante Sonderlinge und begibt sich mit ihren Interpretationen auf wirklich dünnes Eis.
Im 8. Kapitel werden die Ich-will-mehr-Hunde thematisiert: ich will mehr fressen, mehr spielen, etc. Kurz: es geht um die Unersättlichen.
Und das 9. Kapitel ist den überfürsorglichen Hundebesitzern gewidmet, die nur noch eine Lebensaufgabe kennen, ihre Fellnase in den Mittelpunkt ihres Lebens zu stellen.
Danach folgt nur noch das Nachwort.
Grundsätzlich finde ich, dass die von der Autorin angesprochenen Themen durchaus interessant sind und man hin und wieder, wenn auch selten, tatsächlich derartigen Hunden oder Menschen begegnet. Die gewählte Präsentationsform ist dennoch unglücklich. Der Titel weckt Erwartungen, die der Inhalt nicht abdeckt. Hier stimmt einfach das Konzept nicht. Was will die Autorin: Ein Sachbuch / einen Ratgeber schreiben? Oder sollte es ein witziges, unterhaltsames Hundebuch sein? Übungen präsentieren, die wirklich helfen? (Diese Übungen sollten dann aber ausführlicher dargestellt werden). Es ist wirklich schade, dass man hier nicht eine andere Strategie verfolgt hat, denn meiner Meinung nach ist die Art und Weise wie Andrea Wolf schreibt amüsant und sehr gut lesbar. Da könnte man mehr daraus machen und ich hoffe sehr auf ein zweites Buch von ihr, vielleicht so etwas in die Richtung
Hund - Deutsch, Deutsch - Hund: Vom Hundeliebhaber zum Hundeversteher von Martin Rütter oder
Schmitz' Katze: Hunde haben Herrchen, Katzen haben Personal von Ralf Schmitz.
Eine Bemerkung noch zur im Buch enthaltenen Literaturliste:
Der Prophet von Khalil Gibran ist sicher lesenswert, dennoch hätte ich hier mehr fachbezogene Bücher erwartet oder anders ausgedrückt: die Liste ist kurz, sehr kurz.
Meine Bewertung: Auch wenn der Inhalt nicht ganz meine Erwartungen erfüllt hat, meine Bewertung beinhaltet einen Bonus für das Grinsen, das ich während der Lektüre nicht unterdrücken konnte.
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Lesetipp:
Der Hund in deinem Kopf: Selbst-Coaching- Das Geheimnis der Hundeerziehung von Martina Braun
Wie der Mensch mit seinem Denken - Fühlen - Handeln seinen Hund beeinflusst.