Ich liebe Bücher, die Philosophie, Zeitgeschehen, Gesellschaftskritik und spannende Handlung verknüpfen. Selten fand ich diesen Mix schöner formuliert als in diesem dritten Teil der Trilogie. Nichts, was man erzählen kann oder hört, kann nicht auch passieren, alles mixt sich permanent und niemand hat wirklich einsichtigen Durchblick durch die dünne Decke der Kultur, die uns u.a. von der Gewalt trennt.
Javier Marías ist u.a. auch Zeitungskolumnist, ein kritischer Berichterstatter aktuellen Zeitgeschehens, der z.B. die exibitionistische Geschmackssucht der Medienkonsumenten aufspießt, der hinter die aktuellen dekorativen Make-ups blickt. In den anfänglichen, langen, zerdehnten Gesprächen dieses Buches zwischen Jaime und Bertram wird literarisches Nachdenken z.B. über One Night Stands, Busenwunder, krankhafte Ruhmsucht und Gewalt zu einem Genuss der besonderen Art. Ich persönlich liebe diese für andere wohl eher langweiligen, sprunghaften Stellen in seinem Roman mehr als den Plot, der sich erst später, langsam, aber gewaltig entwickelt.
Bis zur Mitte des Romanes wird unsere Gesellschaft, die Medienkultur beschrieben, um dann die Wirkungen an einem ganz persönlichen "Fall" zu beschreiben.
Jaime Deza werden von Bertram Tupra nachts in einem abschweifend schönen Gespräch Gewalt- bzw. Foltervideos vorgeführt, die ihn schocken, die ihm das Gift der Gewalt langsam spürbar einflößen. Die bittere Erkenntnis in ihm wächst, dass jeder verführbar ist, sie lässt ihn selbst in sich die Unschuld verlieren. Schrittweise erkrankt er daran, Jaime kann die Bilder der Gewalt nicht mehr vergessen.
Die aktuelle gesellschaftliche Zustandsbeschreibung erhellt die markante Aneinanderreihung von 3 Worten: die Grillen, Torheiten und die Pein einer immer schneller plappernden Medienkultur. Sind sie nur andere Sündenböcke für das eindimensionale Kriegsgeschehen früherer Jahre, in dem Völker mit Vaterlandsliebe etc. aufeinander gehetzt wurden? Sind sie bessere Sündenböcke? Was macht Gewalt im Fernsehen mit uns? Wenn Sie diese Fragen in sich kreisen hören, dann ist dieses Buch eine gute Antwort, eine Ansage dünnster kultureller Schichten, die auf dem vermeintlich humanen Gesicht unserer Zeit liegen.
Im zweiten Teil des Buches, dem eigentlichen Krimi-Plot, erfährt Jaime die Leiden der sich in ihm entwickelnden, ganz persönlichen Gewaltbereitschaft, als er entdeckt, dass seine Frau wohl eine Affäre hatte. Mehr sei nicht verraten.
Viele Gedanken wiederholen sich in dem Buch, so wie dies Filme und Gewalt in unserer Umgebung Tag für Tag tun, eine Spiegelung der Gesellschaft und eine Hineinspiegelung in einen selbst. Wo wird Gewalt soweit dominant, dass sie den Sprung hinaus aus den Gedanken in die Tat wagt? Was macht TV mit uns, Gewaltszenen, Gewaltspiele?
Wenn Sie auf all diese Fragen eine Antwort suchen und nicht einen schnell dahingespannten Krimiplot, wenn Sie hinter die Dinge lesen wollen, in jenes, was unsere Gesellschaft ausmacht, warum Gewalt ein Teil unseres Lebens bleibt, dann werden Sie mit diesem Roman viele Antworten finden, aber nicht alle.