"Wollte Gott, daß niemand uns jemals um etwas bittet oder auch nur fragt, weder um einen Rat noch um einen Gefallen oder ein Darlehen, nicht einmal um Aufmerksamkeit, wollte Gott, die anderen bäten uns nicht, ihnen zuzuhören, ihren jämmelichen Problemen und ihren peinlichen Konflikten, die den unseren so sehr gleichen, ihren unbegreiflichen Zweifeln und ihren bloßen Geschichten die so austauschbar und immer schon geschrieben sind..."
Mit diesen Worten beginnt der 2. Teil der Trilogie "Tu rostro manana - Dein Gesicht morgen". Es geht um die Geschichte von Jaquez Deza, der über die (im Buch eher unspektakulär dargestellte )Fähigkeit verfügt, zu erkennen, wie sich ein Mensch in der Zukunft verhalten wird, wie sein Gesicht morgen sein wird und der aufgrund dieser Fähigkeit im britischen Geheimdienst MI6 arbeitet.
Marias' Bücher sind fast immer, mehr oder weniger, "harte Kost", ein kurzer Handlungsabschnitt (hier:ein Abend in einer Disco) wird manchmal endlos lange und detailliert geschildert - allerdings auf einem sprachlich sehr hohen, fast poetischen Niveau. Marias durchbricht damit altvertraute Lesegewohnheiten; wenn es jedoch gelingt, sich auf ihn und seine Kunst einzulassen, wird man reich beschenkt: Die sehr eigene Melodie, die Schönheit und Eleganz seiner Sprache klingt noch sehr lange nach.
Mir persönlich bedeuten die beiden Bände von "Dein Gesicht morgen" auch mehr als seine von der Kritik so gerühmten "Shakespeare-Romane" "Mein Herz so weiß" und "Morgen in der Schlacht"...; es scheint mir, als würde Marias in seinen letzten Werken viel mehr von sich, von seiner Traurigkeit und seiner Resignation in seine Protagonisten hineinlegen (Vielleicht täusche ich mich, aber die Bücher klingen für mich sehr persönlich)
Schade nur, dass die Übersetzung des dritten Bandes so lange dauert...