Neue Zürcher Zeitung
Rätselhaftes Mienenspiel - Javier Marías: «Dein Gesicht morgen» Von Kersten Knipp Philosophie muss nicht spröde sein. Sie kann poetische Energien entfalten, die den Leser in einem Schub von der ersten bis zur letzten Seite drängen. Diese Kraft verdankt sich den sanften Kurven, die das Denken zieht, den Abgabelungen, Kreuzungen, Richtungswechseln, die fort vom Vertrauten, hin zu neuer, unbekannter Erfahrung führen. Philosophie als Improvisation, Überraschung, Abschweifung: Es mag dieser artistische Aspekt der Weisheitsliebe sein, den Javier Marías von seinem Vater, dem Philosophen Julián Marías, als vornehmstes künstlerisches Erbstück übernommen und für sein eigenes Metier, die Literatur, fruchtbar gemacht hat. Kunst des Aperçus Diesen Eindruck kann man jedenfalls haben, wenn man die kurze und wie nebenbei hingestreute Ästhetik seines neuen Romans «Dein Gesicht morgen» biografisch deutet. Ein strenger Erzieher, berichtet der Erzähler, war der Vater seinen Kindern, beständig ermahnte er sie, sich nicht mit geläufigen, allzu schnellen Urteilen zufrieden zu geben. «Das Wichtigste», erklärt der Vater seinen Kindern, «ist immer da, in der verlorenen Zeit, im Grundlosen und scheinbar Überflüssigen, jenseits der Grenzlinie, innerhalb derer man sich zufrieden fühlt oder erschöpft und kapituliert, oft, ohne es sich einzugestehen. Dort, wo man glauben könnte, dass es nichts mehr geben kann.» Exakt das Gleiche kann man auch von Javier Marías' neuem Roman behaupten. Schon in seinen vorhergehenden Werken erwies sich der spanische Schriftsteller als Meister der Drehungen, Verschiebungen und Wendungen, entlockte noch den geringsten Gegenständen die überraschendsten Aspekte, dachte die Dinge in alle Richtungen durch, konfrontierte den einen Gedanken mit seinem glatten Gegenteil, gewann daraus einen neuen, zerlegte ihn wiederum, um ihn dann nochmals in unvermuteter Weise voranzutreiben. Diese Kunst des nie endenden Aperçus hat er in seinem jüngsten Roman nochmals gesteigert, zu einem assoziativen Ideenspiel entwickelt, dessen unentwegte Gedankenkraft die Aufmerksamkeit des Lesers bisweilen erlahmen lässt diese Erschöpfung aber auf ganz eigene Weise ästhetisch fruchtbar macht. «Der schwärmerischste Dichter und der rauschhafteste Erzähler», überlegt der Erzähler, «mögen aus dem Stegreif hypnotische Wortverkettungen erfinden und rezitieren können, die wie Musik klingen, so sehr, dass es ihren Zuhörern wenig bedeutet, welchen Sinn sie haben, oder besser gesagt, sie werden ihn mühelos erfassen ohne an ihn denken zu müssen.» Der Gedanke als Klang: Marías ist ein Virtuose dieses Klangs, und zwar ein derart vollendeter, dass der Roman den Wunsch nach Handlung gar nicht erst aufkommen lässt. «Dein Gesicht morgen» ist ein wunderbares «livre sur rien», ist betörende Wortkunst, die den Leser nicht mehr loslässt. Verwaist und an den Rand gedrängt findet sich hier die Story. An «Ulysses» mag man denken, an «Mrs. Dalloway», an die «Suche nach der verlorenen Zeit», überhaupt die Gipfelwerke der klassischen Moderne und ihren Triumph über die Ansprüche der Handlung. Und so ist die eigentliche «Geschichte» dieses Romans schnell erzählt: Jacques (alias Jacobo alias Jaime) Deza, der bereits vor einigen Jahren als Lektor für spanische Literatur in Oxford wirkte, ist nach einer missglückten Ehe an seine frühere Wirkungsstätte zurückgekehrt, wo er überraschend für den britischen Geheimdienst angeworben wird. Seine Aufgabe: bei Verhören und Vernehmungen aus dem Verhalten des Befragten auf dessen möglicherweise ja verborgenes Wissen zu schliessen. Betrüger, Verräter, Fallensteller Und das ist es auch schon. Marías verzichtet darauf, den Eintritt seines Erzählers in den Staatsschutz zum Spionageroman auszuspinnen. Ihn interessiert der Mensch als Träger und Verräter von Geheimnissen, seine Fähigkeit zu schweigen ebenso wie seine unbedachte Redseligkeit. Schweigsam allerdings sind nur die wenigsten, die Mehrzahl gefällt sich in loser Klatschsucht. Zu ihnen zählt etwa De la Garza, Mitarbeiter der spanischen Botschaft, der, ausser Deza der einzige Gast auf einer Party im feinen Oxforder Universitätsmilieu, diesen mit anzüglichen Kommentaren über die dort anwesenden Frauen überhäuft. Quer durch das feine Oxford-Englisch schiessen nun seine höchst vulgären Kommentare, bestimmt allein für Dezas Ohren in dessen Bericht sie für einen Zusammenprall der Stilebenen und Weltbilder sorgen, aus dem über mehrere Seiten immer neue humoreske Funken geschlagen werden. Zuletzt aber bleibt De la Garza, was er ist. Ein Prolet im Nadelstreifen, vom Erzähler darum bald zum Abgang gezwungen. Dadurch wird Raum frei für Dezas eigentliches Thema: der Mensch als Hüter verborgener Wahrheit, als Betrüger, Verräter, Fallensteller. Und um nichts Geringeres geht es ihm, als den Blendern ihr Geheimnis zu entreissen, das freche Gegenüber ins Visier zu nehmen, sein «Gesicht morgen» zu erkennen: den Menschen hinter der Maske, seinen wahren Charakter, seine wahren Absichten. Und gerade im Krieg kann frühes Erkennen Leben retten im Spanischen Bürgerkrieg ebenso wie im Zweiten Weltkrieg, deren Schrecken der Erzähler indirekt, durch lange Gespräche mit dem hochbetagten Sir Peter Wheeler, einem in Oxford lehrenden Hispanisten und ehemaligen Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes, evoziert. Nicht zuletzt sind diese Unterhaltungen eine Hommage des Erzählers an seinen Vater, der während des Bürgerkriegs von einem Freund verraten und daraufhin für einige Monate ins Gefängnis geworfen wurde und hinter dem man unschwer wieder Julián Marías erkennen kann. Dieser Verrat, eine der zentralen Erfahrungen im Leben des Erzählers, mag am Ursprung jenes assoziativen Erzählens stehen, das dem Roman seine bestechende Eleganz verleiht. So gesehen ist das artistische Spiel mit dem Möglichen und Denkbaren zuletzt nur eine Übung in eine vollständig wohl niemals zu bewältigende Aufgabe: die Wahrheit zu erkennen. Misstrauen kann Irrtum säen. Wer die Pflicht habe, seiner Wahrnehmung nicht zu trauen, umreisst der Erzähler seine geheimdienstlichen Erfahrungen, dem erscheine am Ende alles in einem verzerrenden Licht, in dem sich die Wahrheit kaum mehr erkennen lasse. Und diese Ernüchterung mag am Ende die geheime Grösse dieses wunderbar leichten Buches ausmachen: dass sich hinter der sanften Anmut dieses Romans zuletzt doch das Ringen um letzte Erkenntnis verbirgt eine Erkenntnis, die sich erschöpfend niemals wird erreichen lassen. Und die auch der zweite, im spanischen Original vor wenigen Wochen erschienene Teil des Romans dem Erzähler zuletzt nicht gewährt wird.
Pressestimmen
»... Marías vermittelt dem Leser in seiner charakteristischen, in Passagen auf bernhardsche Weise eindringlichen Sprache die Lust und Schmerz des Erzählens. Und überzeugt damit, Menschen in den Mittelpunkt seiner Wahrnehmung und deren Darstellung ins Zentrum seiner Geschichten zu stellen.« Michaela Schmitz (Rheinischer Merkur, 6.1.2005) »... Keine Frage, mit Javier Marías haben wir im Augenblick einen der intelligentesten und aufregendsten Autoren Europas. Sein neuer Roman fertigt den Leser nicht mit einem geschlossenen Weltbild ab. Er sucht sich denkend einen Weg durch das Dickicht der Zeiten. ...« Anton Thuswaldner (Salzburger Nachrichten, 20.11.2004) »... Selten wurde so anschaulich deutlich gemacht, dass Sprache nicht Tatsachen abbildet, sondern schafft und dass die Menschen darin rivalisieren, in diesem Schöpfungsakt eine führende Rolle zu spielen. ...« Christa Nebenführ (Die Presse.com/spectrum, 13.11.2004) »... Der Spanier Javier Marías hat in seinem Spionageroman neben der spannenden Handlung von der Macht und Gefährlichkeit der Worte und von den Geheimnissen der Körpersprache erzählt. ... Javier Marías´ neues Buch ist ein brillantes Gedankenfeuerwerk über Reden und Schweigen. ... "Dein Gesicht morgen" übertrifft noch das Versprechen der Bücher, die ihn berühmt gemacht haben. ...« (BR Lese-Zeichen, 17.10.2004) »... Anders als etwa in den bekannten Spionageromanen John Le Carrés spielt sich bei Marías die Agententätigkeit auf intellektueller Ebene ab. Die Kopfspionage steht im Mittelpunkt. ... So ist der erste Band von Javier Marías Trilogie ... auch ein Roman über die Geheimnisse der Sprache, ein tief philosophisches Buch über die menschliche Kommunikation und deren Enträtselung. ...« Peter Mohr (Wiener Zeitung, 8.10.2004) »... Javier Marías spielt also das inzwischen so beliebte postmoderne Spiel der Selbstreferenzialität. Erzählt wird von der (Un-)Möglichkeit des Erzählens, von der Gnade und dem Fluch des endlosen Redens. Man kann dieses Spiel für ausgereizt halten und stattdessen nach jenen knackigen, handfesten Storys rufen, die derzeit auf dem Markt reüssieren. ... Doch der American Way of Writing ist nicht der allein selig machende. Denn wer genau hinsieht, wird entdecken, dass es bei Marías sehr wohl um brisante Themen geht. ...« Rolf Spinnler (Stuttgarter Zeitung, 8.10.2004) »... Der Gedanke als Klang: Marías ist ein Virtuose dieses Klangs, und zwar ein derart vollendeter, dass der Roman den Wunsch nach Handlung gar nicht erst aufkommen lässt. "Dein Gesicht morgen" ist ein wunderbares "livre sur rien", ist betörende Wortkunst, die den Leser nicht mehr loslässt. Verwaist und an den Rand gedrängt findet sich hier die Story. An "Ulysses" mag man denken, an "Mrs. Dalloway", an die "Suche nach der verlorenen Zeit", überhaupt an die Gipfelwerke der klassischen Moderne und ihren Triumph über die Ansprüche der Handlung. ...« Kersten Knipp (Neue Zürcher Zeitung, 5.10.2004) »... "Dein Gesicht morgen" ist ein Philosophiepuzzle über die unmögliche Kunst des Schweigens, das dem Leser einiges an Aufmerksamkeit abverlangt. Doch Marías´ Sprache entführt und bannt den Leser, so dass man sich ungeduldig auf den zweiten Teil dieser Geschichte freut.« Daniel Sander (Spiegel Special, Oktober 2004) »... eine gigantische Fülle philosophischer und linguistischer Denkanstöße in einer spannenden Geschichte. ...« Peter Mohr (Hannoversche Allgemeine Zeitung, 5.10.2004) »... Der Titel "Dein Gesicht morgen" weist auf die Frage hin: Kann ich dem heutigen Gesicht eines Menschen ansehen, was er morgen tun oder denken wird? Und Marías wäre nicht Marías, wenn er diese Frage nicht in einen fesselnden Roman, in eine mit philosophischen Fragen angereicherte Erzählung betten würde. ...« Michael Stehle (Anthroposophie heute, 10/2004) »... Die Eleganz und Eloquenz seiner Prosa, in der Regel von der großartigen Übersetzerin Elke Wehr ins Deutsche gebracht, hebt ihn aus der Masse der hierzulande erscheinenden Belletristik heraus. Wie kaum ein anderer ist er in der Lage, mit seinem Schreiben linguistischen Genuss zu bereiten, was nicht das schlechteste Markenzeichen ist. Gleichzeitig fungiert die Sprache selbst als eines der Themen, die sich durch all seine Bücher ziehen. ... Zu den fesselndsten Passagen des Buches zählt in diesem Zusammenhang der Abschnitt, worin der Erzähler sich nachts in die Geschichte des spanischen Bürgerkriegs vertieft. Dies ist bester Marías, wie er die Schicksale von verunglimpften Helden, gefeierten Verrätern und unschuldigen Opfern von Propaganda und Terror erzählend verwebt und sein Thema "Was kann passieren, wenn man redet? Was ändert sich, wenn man schweigt?" in allen Facetten ausleuchtet. ... Zudem legt Marías genügend Spuren, um Neugier für Teil 2 zu wecken. ...« Katharina Granzin (die tageszeitung, 11.09.2004) »... Er philosophiert, dokumentiert, inszeniert und interpretiert, dass es eine Lust ist. Den Rahmen dafür bildet eine höchst originelle Spionagegeschichte. Noch spannender als die Handlung aber ist, wie das Buch die Geheimnisse der menschlichen Kommunikation ergründet, die Macht und Gefährlichkeit der Worte, aber auch der Botschaften im Ungesagten. ... Nach fast 500 Seiten hat man noch immer nicht genug. Zumal viele spannende Fragen offen bleiben. ...« Andreas Steppan (Münchner Merkur, 27.8.2004) »Wenn Reden Verrat ist und Schweigen die Rettung bedeutet. ... So wie der zehnte Roman des Autors hier zu großer Einfachheit findet und dem moralischen Ernst des Themas gerecht wird, so sprühen an anderer Stelle die Funken der Gesellschaftskomödie. « Paul Ingendaay (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
Kurzbeschreibung
»Man sollte niemals etwas erzählen ...«, beginnt Jaime seine Geschichte. Aber er wird genau das Gegenteil tun: Er wird alles erzählen. Er wird vom britischen Geheimdienst erzählen und von dessen Sondereinheit MI6. Jaime Deza, der vor vielen Jahren in Oxford unterrichtet hat, kehrt nach England zurück. Dort entdeckt er, daß sein ehemaliger Mentor, Sir Peter Wheeler, Mitglied dieses Geheimdienstes ist und daß er ebenfalls über eine bestimmte Gabe verfügt: Er kann sehen, wie ein Mensch sich später verhalten wird, er kann erkennen, wie das Gesicht morgen sein wird, er weiß, wer ein Verräter sein wird und wer loyal. Javier Marías verfolgt hier mehr denn je einige seiner bereits klassischen Themen: das unergründliche Wesen der Menschen, Segen und Fluch von Reden und Schweigen, und was wir alle vom ersten Augenblick an in anderen erkennen können.
Über den Autor
Javier Marías, 1951 in Madrid geboren, hat bisher neun Romane veröffentlicht, zwei Erzählbände und mehrere Sammelbände mit Essays und Zeitungsartikeln. Seine Romane wurden in 32 Sprachen übersetzt, erscheinen in 44 Ländern und wurden mit vielen Preisen ausgezeichnet: »Mein Herz so weiß« mit dem Spanischen Kritikerpreis und dem IMPAC Dublin Literary Award; »Morgen in der Schlacht denk an mich« mit dem Rómulo-Gallegos-Literaturpreis, dem Prix Femina étranger und dem Mondello-Preis. Für sein Gesamtwerk wurde er mit dem Nelly-Sachs-Preis geehrt. Weltweit wurden seine Bücher mehr als viereinhalb Millionen mal verkauft.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
"Sagen Sie mir Ihre Meinung." Und er machte eine Kopfbewegung zur zweiflügeligen Tür hin. "Was Sie gefolgert haben." Und da ich zögerte (ich war nicht sicher, was er meinte, er hatte mich nach den Chilenen und Mexikanern nichts gefragt), fügte er hinzu: "Sagen Sie irgend etwas, was Ihnen einfällt, reden Sie." Im allgemeinen ertrug er das Schweigen sehr gut, es sei denn, es entzog sich seinem Willen und seiner Entscheidung; dann schienen seine ständige Heftigkeit oder seine Anspannung von ihm zu fordern, die ganze Zeit mit greifbaren, erkennbaren oder berechenbaren Inhalten zu füllen. Es war anders, wenn das Schweigen von ihm ausging. "Na ja", antwortete ich, "ich weiß nicht, was genau dieser venezolanische Herr von Ihnen will. Unterstützung und Finanzierung, nehme ich an. Ich vermute, daß ein Putsch gegen den Präsidenten Hugo Chávez in Vorbereitung ist oder erwogen wird, das habe ich mehr oder weniger mitbekommen. Dieser Herr trug Zivilkleidung, aber nach seinem Äußeren und nach dem, was er sagte, könnte er Militär sein. Beziehungsweise, ich denke, daß er sich Ihnen als Militär vorgestellt hat." "Was noch. Das hätte an Ihrer Stelle, in Ihrer Funktion auch jeder andere gefolgert, Mr. Deza." "Was noch von was, Mr. Tupra?" "Was bringt Sie auf den Gedanken, daß er Militär war? Haben Sie schon einmal einen venezolanischen Militär gesehen?" "Nein. Na ja, im Fernsehen, wie jeder. Chávez selbst ist Militär, er läßt sich Comandante nennen, nicht? Oder Leutnant, ich weiß nicht, Oberster Fallschirmjäger vielleicht. Aber ich bin natürlich nicht sicher, daß dieser Herr es war, Militär. Ich meine, daß er sich Ihnen wahrscheinlich als solcher vorgestellt hat. Das denke ich." "Später kommen wir darauf zurück. Was für einen Eindruck macht das Komplott auf Sie, die Drohung mit einem Putsch gegen einen vom Volk und außerdem durch Akklamation gewählten Regierungschef?" "Einen sehr schlechten, den schlimmsten. Bedenken Sie, daß mein Land vierzig Jahre lang wegen eines solchen Putsches gelitten hat. Drei Jahre vielleicht romantischen Krieges (mit englischen Augen gesehen), aber danach siebenunddreißig in Erniedrigung und Unterdrückung. Doch einmal abgesehen von der Theorie, das heißt von den Prinzipien, würde es mir in diesem konkreten Fall eher keine Sorgen machen. Chávez hat seinerzeit einen Putschversuch unternommen, wenn ich mich recht erinnere. Er hat konspiriert und sich mit seinen Einheiten gegen eine gewählte Regierung erhoben, noch dazu eine zivile. Auch wenn sie korrupt und räuberisch war, welche ist es nicht heutzutage, alle gehen sie mit zuviel Geld um, sie sind wie Unternehmen, und die Unternehmer wollen Gewinne. Deshalb dürfte er sich nicht beklagen, wenn sie ihn absetzen. Etwas anderes sind die Venezolaner. Sie dürfen es wohl. Und es scheint, daß sich schon ziemlich viele über den beklagen, den sie durch Akklamation gewählt haben. Gewählt zu werden macht nicht immun dagegen, auch ein Diktator zu sein." "Ich sehe, Sie sind informiert." "Ich lese Zeitung, ich sehe fern. Mehr nicht." "Sagen Sie mir mehr. Sagen Sie mir, ob der Venezolaner die Wahrheit gesagt hat." "In bezug auf was?" "Im allgemeinen. Zum Beispiel, ob sie den Comandante nötigenfalls antasten würden oder nicht." "Dazu hat er zwei verschiedene Sachen gesagt." Tupra schien ein wenig ungeduldig zu werden, aber nur sehr wenig. Ich hatte den Eindruck, daß er sich wohlfühlte, daß ihm der Dialog und meine Schnelligkeit gefielen, jetzt, da mein anfängliches Zögern überwunden war und sein Fragen mich angeregt hatte, Tupra war ein großer Frager, nie vergaß er etwas von den bisherigen Antworten, und so war er imstande, darauf zurückzukommen, wenn es der Befragte am wenigsten erwartete und dieser sehr wohl vergessen hatte, wir vergessen das, was wir sagen, sehr viel mehr als das, was wir hören, das, was wir schreiben, sehr viel mehr als das, was wir lesen, das, was wir senden, sehr viel mehr als das, was wir empfangen, deshalb rechnen wir kaum mit den Kränkungen, die wir zufügen, wohl aber mit denen, die wir erleiden, und deshalb bewahrt fast jeder irgendeine irgend jemandem gegenüber. "Das weiß ich, Mr. Deza. Ich frage Sie, ob eine der beiden wahr war. Nach Ihrer Meinung. Bitte." Dieses "bitte" klang beunruhigend in meinen Ohren. Später stellte ich fest, daß er sich solcher Formeln zu bedienen pflegte, "seien Sie so gut", "ich bitte Sie", bevor er richtig in Zorn geriet. Bei dieser Gelegenheit ahnte ich es nur, also beeilte ich mich zu antworten, ohne lange zu überlegen oder es vorher überlegt zu haben. "Nach meiner Meinung war es eine überhaupt nicht. Die andere wohl, aber in einem Zusammenhang, der auch nicht wahr war." "Erklären Sie mir das, seien Sie so gut." Er hatte seine herabhängende Zigarette noch immer nicht angezündet, sie mußte ganz naß sein, trotz des Filters, ich kannte die extravagante Marke, Rameses II, ägyptische Zigaretten mit türkischem Tabak, leicht scharf, die pharaonische rote Packung wirkte auf dem Tisch wie eine Tim-und-Struppi-Zeichnung, heute waren sie sehr teuer, bestimmt kaufte er sie bei Davidoff oder bei Marcovitch oder bei Smith & Sons (wenn die beiden letzten noch existierten), mir kam es nicht so vor, als hätte ich sie zu Hause bei Wheeler in seinen Händen gesehen, vielleicht rauchte er sie nur privat. Auch ich gab meiner kein Feuer, die gewöhnlicher war, wenn auch trocken, meine Lippen sind nicht feucht. Ich improvisierte, weiter nichts, das ist die Wahrheit. Ich hatte nichts zu verlieren. Auch nichts zu gewinnen, man hatte mich als Übersetzer gerufen, und ich hatte meine Aufgabe erfüllt. Meine verlängerte Anwesenheit war ein Entgegenkommen meinerseits, obwohl Tupra mir nicht dieses Gefühl gab, sondern eher das gegenteilige, er war einer dieser seltenen Menschen, die ein Darlehen erbitten und den Geber dazu bringen, daß er sich als Schuldner fühlt.
Auszug aus Dein Gesicht morgen von Javier Marias, Elke Wehr. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
"Sagen Sie mir Ihre Meinung." Und er machte eine Kopfbewegung zur zweiflügeligen Tür hin. "Was Sie gefolgert haben." Und da ich zögerte (ich war nicht sicher, was er meinte, er hatte mich nach den Chilenen und Mexikanern nichts gefragt), fügte er hinzu: "Sagen Sie irgend etwas, was Ihnen einfällt, reden Sie." Im allgemeinen ertrug er das Schweigen sehr gut, es sei denn, es entzog sich seinem Willen und seiner Entscheidung; dann schienen seine ständige Heftigkeit oder seine Anspannung von ihm zu fordern, die ganze Zeit mit greifbaren, erkennbaren oder berechenbaren Inhalten zu füllen. Es war anders, wenn das Schweigen von ihm ausging.
"Na ja", antwortete ich, "ich weiß nicht, was genau dieser venezolanische Herr von Ihnen will. Unterstützung und Finanzierung, nehme ich an. Ich vermute, daß ein Putsch gegen den Präsidenten Hugo Chávez in Vorbereitung ist oder erwogen wird, das habe ich mehr oder weniger mitbekommen. Dieser Herr trug Zivilkleidung, aber nach seinem Äußeren und nach dem, was er sagte, könnte er Militär sein. Beziehungsweise, ich denke, daß er sich Ihnen als Militär vorgestellt hat."
"Was noch. Das hätte an Ihrer Stelle, in Ihrer Funktion auch jeder andere gefolgert, Mr. Deza."
"Was noch von was, Mr. Tupra?"
"Was bringt Sie auf den Gedanken, daß er Militär war? Haben Sie schon einmal einen venezolanischen Militär gesehen?"
"Nein. Na ja, im Fernsehen, wie jeder. Chávez selbst ist Militär, er läßt sich Comandante nennen, nicht? Oder Leutnant, ich weiß nicht, Oberster Fallschirmjäger vielleicht. Aber ich bin natürlich nicht sicher, daß dieser Herr es war, Militär. Ich meine, daß er sich Ihnen wahrscheinlich als solcher vorgestellt hat. Das denke ich."
"Später kommen wir darauf zurück. Was für einen Eindruck macht das Komplott auf Sie, die Drohung mit einem Putsch gegen einen vom Volk und außerdem durch Akklamation gewählten Regierungschef?"
"Einen sehr schlechten, den schlimmsten. Bedenken Sie, daß mein Land vierzig Jahre lang wegen eines solchen Putsches gelitten hat. Drei Jahre vielleicht romantischen Krieges (mit englischen Augen gesehen), aber danach siebenunddreißig in Erniedrigung und Unterdrückung. Doch einmal abgesehen von der Theorie, das heißt von den Prinzipien, würde es mir in diesem konkreten Fall eher keine Sorgen machen. Chávez hat seinerzeit einen Putschversuch unternommen, wenn ich mich recht erinnere. Er hat konspiriert und sich mit seinen Einheiten gegen eine gewählte Regierung erhoben, noch dazu eine zivile. Auch wenn sie korrupt und räuberisch war, welche ist es nicht heutzutage, alle gehen sie mit zuviel Geld um, sie sind wie Unternehmen, und die Unternehmer wollen Gewinne. Deshalb dürfte er sich nicht beklagen, wenn sie ihn absetzen. Etwas anderes sind die Venezolaner. Sie dürfen es wohl. Und es scheint, daß sich schon ziemlich viele über den beklagen, den sie durch Akklamation gewählt haben. Gewählt zu werden macht nicht immun dagegen, auch ein Diktator zu sein."
"Ich sehe, Sie sind informiert."
"Ich lese Zeitung, ich sehe fern. Mehr nicht."
"Sagen Sie mir mehr. Sagen Sie mir, ob der Venezolaner die Wahrheit gesagt hat."
"In bezug auf was?"
"Im allgemeinen. Zum Beispiel, ob sie den Comandante nötigenfalls antasten würden oder nicht."
"Dazu hat er zwei verschiedene Sachen gesagt."
Tupra schien ein wenig ungeduldig zu werden, aber nur sehr wenig. Ich hatte den Eindruck, daß er sich wohlfühlte, daß ihm der Dialog und meine Schnelligkeit gefielen, jetzt, da mein anfängliches Zögern überwunden war und sein Fragen mich angeregt hatte, Tupra war ein großer Frager, nie vergaß er etwas von den bisherigen Antworten, und so war er imstande, darauf zurückzukommen, wenn es der Befragte am wenigsten erwartete und dieser sehr wohl vergessen hatte, wir vergessen das, was wir sagen, sehr viel mehr als das, was wir hören, das, was wir schreiben, sehr viel mehr als das, was wir lesen, das, was wir senden, sehr viel mehr als das, was wir empfangen, deshalb rechnen wir kaum mit den Kränkungen, die wir zufügen, wohl aber mit denen, die wir erleiden, und deshalb bewahrt fast jeder irgendeine irgend jemandem gegenüber.
"Das weiß ich, Mr. Deza. Ich frage Sie, ob eine der beiden wahr war. Nach Ihrer Meinung. Bitte." [...]
"Na ja", antwortete ich, "ich weiß nicht, was genau dieser venezolanische Herr von Ihnen will. Unterstützung und Finanzierung, nehme ich an. Ich vermute, daß ein Putsch gegen den Präsidenten Hugo Chávez in Vorbereitung ist oder erwogen wird, das habe ich mehr oder weniger mitbekommen. Dieser Herr trug Zivilkleidung, aber nach seinem Äußeren und nach dem, was er sagte, könnte er Militär sein. Beziehungsweise, ich denke, daß er sich Ihnen als Militär vorgestellt hat."
"Was noch. Das hätte an Ihrer Stelle, in Ihrer Funktion auch jeder andere gefolgert, Mr. Deza."
"Was noch von was, Mr. Tupra?"
"Was bringt Sie auf den Gedanken, daß er Militär war? Haben Sie schon einmal einen venezolanischen Militär gesehen?"
"Nein. Na ja, im Fernsehen, wie jeder. Chávez selbst ist Militär, er läßt sich Comandante nennen, nicht? Oder Leutnant, ich weiß nicht, Oberster Fallschirmjäger vielleicht. Aber ich bin natürlich nicht sicher, daß dieser Herr es war, Militär. Ich meine, daß er sich Ihnen wahrscheinlich als solcher vorgestellt hat. Das denke ich."
"Später kommen wir darauf zurück. Was für einen Eindruck macht das Komplott auf Sie, die Drohung mit einem Putsch gegen einen vom Volk und außerdem durch Akklamation gewählten Regierungschef?"
"Einen sehr schlechten, den schlimmsten. Bedenken Sie, daß mein Land vierzig Jahre lang wegen eines solchen Putsches gelitten hat. Drei Jahre vielleicht romantischen Krieges (mit englischen Augen gesehen), aber danach siebenunddreißig in Erniedrigung und Unterdrückung. Doch einmal abgesehen von der Theorie, das heißt von den Prinzipien, würde es mir in diesem konkreten Fall eher keine Sorgen machen. Chávez hat seinerzeit einen Putschversuch unternommen, wenn ich mich recht erinnere. Er hat konspiriert und sich mit seinen Einheiten gegen eine gewählte Regierung erhoben, noch dazu eine zivile. Auch wenn sie korrupt und räuberisch war, welche ist es nicht heutzutage, alle gehen sie mit zuviel Geld um, sie sind wie Unternehmen, und die Unternehmer wollen Gewinne. Deshalb dürfte er sich nicht beklagen, wenn sie ihn absetzen. Etwas anderes sind die Venezolaner. Sie dürfen es wohl. Und es scheint, daß sich schon ziemlich viele über den beklagen, den sie durch Akklamation gewählt haben. Gewählt zu werden macht nicht immun dagegen, auch ein Diktator zu sein."
"Ich sehe, Sie sind informiert."
"Ich lese Zeitung, ich sehe fern. Mehr nicht."
"Sagen Sie mir mehr. Sagen Sie mir, ob der Venezolaner die Wahrheit gesagt hat."
"In bezug auf was?"
"Im allgemeinen. Zum Beispiel, ob sie den Comandante nötigenfalls antasten würden oder nicht."
"Dazu hat er zwei verschiedene Sachen gesagt."
Tupra schien ein wenig ungeduldig zu werden, aber nur sehr wenig. Ich hatte den Eindruck, daß er sich wohlfühlte, daß ihm der Dialog und meine Schnelligkeit gefielen, jetzt, da mein anfängliches Zögern überwunden war und sein Fragen mich angeregt hatte, Tupra war ein großer Frager, nie vergaß er etwas von den bisherigen Antworten, und so war er imstande, darauf zurückzukommen, wenn es der Befragte am wenigsten erwartete und dieser sehr wohl vergessen hatte, wir vergessen das, was wir sagen, sehr viel mehr als das, was wir hören, das, was wir schreiben, sehr viel mehr als das, was wir lesen, das, was wir senden, sehr viel mehr als das, was wir empfangen, deshalb rechnen wir kaum mit den Kränkungen, die wir zufügen, wohl aber mit denen, die wir erleiden, und deshalb bewahrt fast jeder irgendeine irgend jemandem gegenüber.
"Das weiß ich, Mr. Deza. Ich frage Sie, ob eine der beiden wahr war. Nach Ihrer Meinung. Bitte." [...]