Wer muskuläre Dysbalancen beseitigen will, muß zum einen die betroffenen Muskeln dehnen und zum anderen die "verkümmerten" Muskeln gezielt kräftigen. Eine Anleitung dazu verspricht der Titel des Buches, sowie die einleitenden Worte der Autoren:
"Durch die gezielte Dehn- und Kräftigungsgymnasik läßt sich eine muskuläre Dysbalance mt all ihren negativen Folgen beheben oder im vorbeugendem Sinn verhindern. Die in diesem Buch vorgestellten Dehn- und Kräftigungsübungen sind nach solchen Gesichtspunkten ausgesucht"
Die im Buch enthaltenen Übungen sind zweifellos gut erklärt und sinnvoll ausgewählt. Das gilt allerdings nur für den Teil der Dehnübungen, wo für die einzelnen Muskelgruppen gleich mehrere Übungen mit und ohne Partner vorgestellt werden.
Der Aspekt der Kräftigungsgymnastik wird allerdings stiefmütterlich umgesetzt, da hier mit meist nur einer einzigen Übung komplette Muskelgruppen unspezifisch angesprochen werden, so dass Dysbalancen innerhalb dieser Gruppen nicht gezielt behandelt werden können.
Ein Beispiel:
Ein sehr häufiges Problem des Kniegelenks resultiert aus der Dysbalance der vorderen Oberschenkelmuskulatur - starker M. rectus femoris (gerader Schenkelmuskel), schwacher M. vastus medialis (innerer Schenkelmuskel) - und damit einer seitlichen Verschiebung der Kniescheibe. Durch die gezielte Stärkung des M. vastus medialis kann diese Fehlstellung korrigiert werden. Im Buch ist aber für die gesamte vordere Oberschenkelmuskulatur nur eine einzige Kräftigungsübung enthalten, die zudem nur mit einem Partner durchgeführt werden kann (für den Heimgebrauch also ungeeignet).
Auch wenn man mit der allgemeinen Kräftigungsübung die verkümmerte Muskulatur anspricht, stellt sich das Problem, dass
a) die gut entwickelte Muskaltur der schwach entwickelten die Arbeit größtenteils abnimmt, und
b) auch durch mäßiges Training des Sportlers (im Beispiel ein Radfahrer) der gut entwickelte Muskel den Trainingsvorsprung beibehält bzw. sogar erweitert (er wird ja auch bei der Kräftigungsgymnasik mittrainiert)
Empfehlenswert ist das Buch nur für Sportler, die muskulär "gesund" sind und Dysbalancen vorbeugen wollen. Allerdings erfährt der Durchschnittssportler von muskulären Dysbalancen wegen Fehlbelastungen erst dann etwas, wenn er sie selber hat.
Auch wenn die Autoren in der Einleitung anderes versprechen - zur Beseitigung von Dysbalancen bleibt wohl nur der Weg zum Physiotherapeuthen und die Hoffnung, dass dieser spezifischere Aufbauübungen kennt (das Buch richtet sich als Fachbuch auch an Physiotherapeuthen...).