1. "I think my favorite compositional technique is the most common - creating a melody in your head." (Greg Saunier)
2. Künstler, die im Verbund mit Deerhoof von Musikjournalisten gerne genannt werden, weil es stilistische Kongruenzen geben soll: Captain Beefheart (ja, stimmt, wenn man um die Ecke denkt), The Who (nein, ein Fehlschluss), Faust (ja, da ist was dran), The Residents (ein kleines bisschen), Mike Patton (zu Zeiten von "Halfbird" vielleicht), Arnold Schönberg (das behaupten Leute, die keine Ahnung von Schönberg haben), Igor Stravinsky (siehe Schönberg), Karlheinz Stockhausen (für kurze Sequenzen in einigen wenigen Songs: ja), Henry Rollins (keine Meinung dazu), Xiu Xiu (eindeutig ja, nur ohne Körper- und Weltschmerz), Shugo Tokumaru (im Ansatz möglich), ich nehme die späten Einstürzenden Neubauten (insb. die kleinteiligen "Jewels") und die kanadischen, nicht unbedingt langlebigen The Unicorns dazu, die ein vergleichbares Verhältnis zur paradoxalen Putzigkeit hatten. Doch so "weird" sind Deerhoof gar nicht, schon lange nicht mehr. Das war einmal. Und es ist zu ihrem und unserem Besten. Denn sie werden immer genießbarer, schandfleckfreier, und trotzdem bleiben da keine Mikropartikel Irritationsstaub. Man muss das mit R.E.M. vergleichen. Die Differenz zwischen "Murmur" und "Collapse into Now" ist in etwa genauso groß wie zwischen "Reveille" und "Friend Opportunity", nur mit dem Unterschied, dass das bei R.E.M. 28 Jahre ergibt und bei Deerhoof süße fünf Jahre. Die Wandlung vollzieht sich bei Deerhoof rasanter.
3. Die Musik von Deerhoof gerät mittlerweile zu Unrecht unter Komplexitätsverdacht. Doch nach "Milk Man", und das war 2004, sind sie mit jedem Album näher an das gerückt, was noch innerhalb der gelernten Songschemata möglich erscheint und Leuten, die schon Björk für Avantgarde halten, sauer aufstößt. Natürlich gibt es immer noch Schredder wie "This is god speaking" - nicht wirklich Musik, aber großartig in seiner brackigen Fremdheit (auf "Offend Maggie"). Aber diese Extreme sind Ausnahmen bei den späteren Deerhoof.
4. Künstler, mit denen Deerhoof schon getourt sind oder im Vorprogramm waren (Auswahl): Xiu Xiu, Flaming Lips, Radiohead, Blur, Sonic Youth, Yoko Ono, Fiery Furnaces. Die Liste ist mitnichten vollständig. Vermutlich werden sie noch länger die Vorgruppe von irgendwem sein. Deerhoof als Vorgruppe von Deerhoof. Es wäre ein Scherz, der zu ihnen passen würde. Doch Deerhoof sind keine Spaßband.
5. "All of our records are just the timid first steps of complete beginners." (Greg Saunier)
6. Stile, die mit Deerhoof schon assoziiert und die mitunter auch für sie von Journalisten erfunden werden mussten: Noise Punk (gilt nur für die 90er), Post Punk (da man darunter alles mögliche fassen kann, nicht abwegig), Art Rock (gilt für jedes Album, jede EP, aber nicht für jeden Song), Experimentalrock (dito), Klimperfolk, Indie Rock, Weird Rock, Funk, Dub, Electro, Bubblegum Pop, Prog Rock (Vergleiche mit Yes blieben nicht aus - why?), Klimperfolk, Intellektuellenrock, Infantilrock (Vorsicht! Widersprüche, wohin man nur schaut!), Glöckchenpop, Roppediplopp, "Freejazzer des Noise, sie sind die stetigen Interruptoren der eigenen Lieder" und "Hochdruckakademiker" (FAZ), Popband mit sympathischem Dachschaden (OX). Doch was in Teufels Namen ist denn "weird" an "Deerhoof vs. Evil", überhaupt an Deerhoof seit "Friend Opportunity"? Wer das für gewagt und "exzentrisch" (dieses Wort wird in jedem dritten Text über Deerhoof benutzt) hält, der sollte nicht von sich behaupten, nach vielen, gar allen Seiten offen zu sein. Und was geschieht mit diesen Menschen, wenn sie Morton Feldman, John Luther Adams, Dror Feiler oder Cecil Taylor zu hören bekommen?
7. "Friend Opportunity" enthält drei oder vier kleine Meisterwerke. "Offend Maggie" besteht praktisch nur aus stupenden Großtaten en miniature. Es ist der Höhepunkt ihres Schaffens - für mich (für andere: "The Runners Four"). Und man erzähle mir nicht, dass man das nicht unangestrengt hören könnte, sogar beim Verzehren von Rhabarbermarmelade und Schokomilch. Unfassbar, dass nach über zwei Jahren noch niemand auf amazon.de ein paar Worte darüber verloren hat. Nun also "Deerhoof vs. Evil", das nahezu gleichauf ist mit "Offend Maggie", wenn auch zehn Minuten kürzer. "Behold a Marvel in the Darkness" ist tanzbar, man will Satomi sein und das singen dürfen, es ist Rock, durchaus geradlinig mit leichten Krümmungen, und zum Schluss verändert sich der Song plötzlich, gewinnt noch mal an Kraft - was für ein Abschluss! "No One Asked to Dance" ist am weitesten von der ohnehin elastischen Deerhoof-Ästhetik entfernt: Spanische Gitarre, fast introspektiv, mit mexikanischem Einschlag, nicht im Mindesten merkwürdig, sondern lieblich, zärtlich, vielleicht fast zu viel davon. In Live-Konzerten klingt der Song jedenfalls kantiger, roher. Dann der mit dem fulminanten "+81" vergleichbare Track "Super Duper Rescue Heads!" mit einführenden Synthies wie von Alphaville, der dann aber ins offensiv Rockige morpht, drollig wird. "I Did Crimes for You" und andere Tracks beweisen erneut, dass Deerhoof vorbildlich sind im Kreieren einfacher Songbausteine, die sich für Monate im Musikmerkhirnareal festsetzen. Und "Let`s Dance the Jet" ist ein Instrumental, das - komisch guck, komisch zuck - auf einer Komposition des Herrn Theodorakis fußt, der ein grässlicher Filmkomponist war und ein erstaunlicher Songwriter. Es müsste auf der Playlist von Quentin Tarantino stehen für den späteren Gebrauch in einem seiner Filme.
8. "I feel like the way I write songs, if you can even use that word 'write', it is so accidental, like the songs seem to come out of nowhere, basically. Something will just pop into my head, and I'm hard-pressed to say that I'm the composer." (Greg Saunier)
9. Deerhoof sind für mich: Freude (das Wort "joy" gefällt mir hier noch besser), Entlastung (von Messages, von Weltverbesserungstum, von Inhalt), Balance (zwischen Direkt- und Verspieltheit) und hinreißend ausbaldowerten Arrangements, die zeigen, dass man tatsächlich immer noch anders klingen kann auch ohne ein abseitiges Instrumentarium. "Deerhoof vs. Evil" beweisen ihre Singularität gleichsam mit leichter Hand, unangestrengt, ohne dass dies im Mindesten manieristisch oder wie ein lästiger Tick wirkt. Es kommt auch und vor allem auf die Details an, dass ein Intro zu einem Song alles entscheiden kann, dass ein Biep und ein Knarz am rechten Fleck ein Lächeln hervor rufen kann, dass Saunier das übersichtliche Drum-Kit auf eine unverwechselbare Weise bearbeiten kann wie sonst niemand.
10. "Music is not equipped in any way to fight against anything. Other than, I guess, it could fight against silence." (Greg Saunier)
11. "Milk Man" ist ein schwieriges Album. Der Opener ist ein Meisterstück. Alles andere: Gewöhnungsbedürftig, nebenspurig, kratzig, reibeisig, vertrackt, an den Nerven zerrend zuweilen, immer wieder auch: Verblüffend. Ich kann verstehen, dass das für viele von uns ein Graus ist. Aber Deerhoof ist nicht "Milk Man" ist nicht "Holdypaws" - das war einmal und birgt so manchen zärtlichen, ulkigen, großartigen Schlenker. Ab "The Runners Four" sollte man Deerhoof kennen, auch als Semikonservativer. Denn Deerhoof bereichert das Leben ein bisschen, dabei ist es doch nur Musik.
12. "It's the kind of rule-breaking that can only come from people who know the rules - who are a little obsessed with rules, really." (Douglas Wolk über Deerhoof, der angemerkt hat, dass das Schlagzeug das eigentliche Hauptinstrument dieses Quartetts ist, doch tatsächlich scheint das grundlegend falsch, wenn man Greg Saunier glaubt)
13. "Almost always the drums are the last thing. (...) I don`t think I`m an amazing drummer." (Greg Saunier, der Mann, der eine entfernte Ähnlichkeit mit Dieter Bohlen hat und gerne auf einem tiefer gelegten Hocker - wie auf einem Melkschemel - an bass drum und snare drum, hi-hat oder cymbals sitzt, alles sehr übersichtlich, und der auf sein Inventar eindrischt, als wäre er nicht mehr ganz knusper)
14. "Me to the rescue, me to the rescue / Me to the rescue, me to the rescue / Hello, hello, you lucky so-and so / Hello, Hello, you lucky so-and so / Away, oh / Get away, get away, get away, get away, get away, get away, get away, get away / You to the rescue, you to the rescue / You to the rescue, you to the rescue / Alone, alone, I'll never be alone." ("Super Duper Rescue Heads!") --- wie schön, dass Deerhoof keine deutsche Band ist, dann wäre es zeitweilig unerträglich. Deerhoof wollen keine Geschichtenerzähler, Befindlichkeitsradare, Souffleusen des Banalen, Unterleibsversdichter sein, vielmehr geht es um Wortklang mit einer Infusion aus dada-gaga, gelegentlich ein bisschen Bedeutungswürze in ein paar Songs - auf ihrem 10. Album schmeckt man sie kaum heraus, und es stört gewiss niemanden. Manchmal wird auch katalanisch gesungen, Japanisch sowieso.
15. "Deerhoof has four composers in the band and we are really a composition kind of band - terrible at jamming." (Greg Saunier)
16. Ich habe Deerhoof 2009 in Offenbach verpasst. Das war sehr dumm von mir. Ich erfuhr zu spät davon. Keine Plakate gesehen. Das passiert mir nicht noch einmal.
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