Rise of Prussia ist ein tolles Strategiespiel, das die Dynamik der Feldzüge der Ära sehr gut repräsentiert.
Spielsystem:
Das Spiel ist rundenbasiert: Eine Runde dauert 2 Wochen. Man gibt seinen Truppen Befehle, dann werden diese und die des Gegners (entweder eine weit überdurchschnittliche KI oder ein menschlicher Gegenspieler, mit dem man sich die Züge per Email zuschickt) simultan aufgelöst.
Dabei steht der Spieler vor der Herausforderung, folgende Elemente der Kriegsführung bestmöglich zu gestalten:
1. Armeeorganisation
Welcher Anführer ist für welche Truppen am besten geeignet? Befördere ich einen eher unbekannten aber fähigen General zum Korpsführer und nehme in Kauf, dass andere Miitärs davon "irritiert" sind, oder gebe ich dem Senioritätsprinzip vorzug? Sollte ich dem fähigen aber als hitzköpfig bekannten General tatsächlich die Offensive gegen den Feind anvertrauen und somit riskieren, dass ein Fehlschlag ein katastrophaler Fehlschlag wird?
2. Vormarsch und Nachschub
Über welche Route soll der Vormarsch ins Feindesland laufen? Ist der Nachschub durch größere Städte oder selbstgebaute Depots gesichert? Kann ich den Feind vielleicht vom Nachschub abschneiden? Welche Positionen sind von strategischer Bedeutung und sind daher auch die Mühen eines Gewaltmarsches wert?
3. Kampf
Welche Truppen lasse ich bei welchem Wetter unter welchen Anführern und mit welchen Befehlen kämpfen? Greife ich die gegnerische
Diese Spielelemente sind vorzüglich geraten. Man kann sich tatsächlich vorstellen, dass die Heerführer der Zeit sich ähnliche Gedanken machen mussten, wie man sie selbst vor dem Bildschirm gerade hat.
4. Armeeentwicklung
Hier schwächelt das Spiel ein wenig: Es gibt die Möglichkeit, neue Truppen auszuheben oder Einheiten, die bereits dezimiert sind, zu verstärken. Allerdings lassen sich nicht für alle Einheiten Ersatztruppen manuell ausheben. Dieser Part des Spiels ist allerdings nicht so wichtig, dass die kleine Schwäche nicht verzeihbar wäre.
Spieltiefe: Wer auf einen schnellen Clickspaß aus ist, wird mit RoP nicht glücklich werden. Die Steuerung des Spiels ist zwar relativ einfach (Drag and Drop), aber ein erfolgreicher Feldzug braucht Planung und Sorgfalt. Tatsächlich kann es oft viele Runden, und damit einige Stunden dauern, bis die eigenen Planungen größere Früchte (etwa die Eroberung einer wichtigen Stadt oder die Vernichtung eines größeren gegnerischen Verbandes) hervorbringen. Dafür bietet das Spiel eine enorme Tiefe, die in die Kampfberechnung enorm viele Faktoren einfließen lässt: Terrain, Wetter, Anführerqualitäten, Angriffs- und Verteidigungswerte der Truppen, Feuergeschwindigkeit, Disziplin, Moral, ... realistischer geht's kaum. Glück und Zufall spielen somit kaum eine Rolle.
Balance: Sehr mobile, extrem gut geführte Elitetruppen auf preußischer Seite kämpfen gegen eine Übermacht an Feinden, die zusammen mehrfach überlegen, einzeln jedoch der preußischen Armee unterlegen und zudem auf die Offensive angewiesen sind: Eine spannende Konstellation mit Vorteilen für Maria-Theresia und Co., die jedoch nicht zwingend den Erfolg der Allianz zur Folge hat.
Grafik: Karte, Einheiten und Anführer sind handgemalt: Letztere werden durch Portraits (viele Generäle sind mit ihren historischen Konterfeis, die Truppen in ihren speziellen Uniformen) dargestellt. Für mich ist das Spiel eine Augenweide, auch wenn es keine 3-D-Animationen oder ähnlichen Schnickschnack enthält.
Sound: Die Musik ist eine Auswahl von Stücken von Bach bis Telemann: Passend. Ansonsten gibt es keine großen Soundeffekte, die sind aber auch nicht nötig.
Eine Schwäche ist das Handbuch, das zwar viele, aber längst nicht alle Informationen über die Zusammenhänge in diesem enorm komplexen Spiel liefert, sodass der ambitionierte Feldherr auf einschlägige Foren angewiesen ist, um die letzten Geheimnisse eines erfolgreichen Feldzugs zu lüften.
Fazit: Ein tolles Spiel für Spieler, die nicht unbedingt auf schnelle Erfolgserlebnisse vorm Bildschirm aus sind.