1986: Rage for Order.
2011: Dedicated to Chaos.
Ein Schelm, wer da eine Verbindung sieht.
Dedicated to Chaos ist ein ganz erstaunliches Album geworden. Eines, das ich gar nicht wahrhaben will.
Rückblickend wünsche ich mir, 1998 hätte die Band nach DeGarmos Ausstieg verkündet:
Das war's halt. Machen wir jetzt was neues draus.
Die Entwicklung, die Queensryche vor allem in den letzten Jahren genommen hat, ist absurd. Inzwischen sind wir schon beim Parodiestadl angekommen. Glaubwürdigkeit dahin, Geoff Tates Ego platzt dagegen vor Dominanz.
Die öffentliche Distanzierung zur Metalszene nutzten Geoff Tate und seine Gefolgschaft stets aufs Neue, um ihren verbliebenen Anhängern neue Stilrichtungen verkaufen zu wollen. Nicht, das alles schlecht wäre, nun wirklich nicht, es ging wieder bergauf, aber DAS hier ist schon lustig, Leute.
Ich finde es ein wenig unfair, die heutige Band mit jedem neuen Album immer noch für ihre einstigen Großtaten büßen zu lassen. Leider reduzieren viele die Band noch immer lediglich auf Operation:Mindcrime und Empire, dabei waren ihre größten Werke doch auch oben genanntes Rage for Order mit seinem unbändigem Experimentierwahn und das düster-sperrige Promised Land, an dem so mancher Fan noch heute zu kauen hat. Queensryche hat es seinen Fans nie leicht machen wollen, den Trends nie hinterhergeschielt.
Natürlich wurde vieles anders nach Chris Ausstieg, und nicht alles besser als 1997 auf seinem Abschiedsalbum Hear in the now frontier.
Aber: Jede dieser Scheiben bot immer noch richtig guten Stoff! MURDERER? oder THE HANDS, TRIBE ,THE ART OF LIFE,
RIGHT SIDE OF MY MIND, AT 30.000 FEET, REMEMBER ME - nur um einige zu nennen.
Momente dieser Güte sucht man auf DTC leider vergebens. Daran ändert auch ein kurzes Aufbäumen in der Mitte des Albums nichts.
Zwar erschliessen sich selbst die trägsten Nummern irgendwann, aber man muss schon eine gewaltige Portion Geduld und Lust aufwänden, um so Liedchen wie BROKEN, THE LIE, WOT WE DO oder HIGHER spannend zu finden!
Und dabei hatten sie uns mit American Soldier soviel Hoffnung gegeben...
GET STARTED als Anheizer ist noch ein angenehmer Rutsch hinein. Wir bekommen melodischen, austauschbaren Ami-Rock serviert.
HOT SPOT JUNKIE rockt deftiger nach vorn, in bester "Hear in the now frontier"-Manier und einem der raren Wilton-Soli auf Dedicated to Chaos.
GOT IT BAD hab ich auch nach zig Durchläufen noch nicht verdaut. Einfach unglaublich. Das ist kaum zu ertragen. Orientalische Keyboardsounds werden zu einer Art angerockten Funkrhythmus verabreicht und das Ganze hört sich so lustig an, wenn es denn im Grunde nicht so traurig wäre, was wir da zu hören bekommen...Experimente ja, gern! Got it bad erreicht jedoch einen erhöhten Peinlichkeitsfaktor und nicht mal B-Seiten Niveau.
Jede Hausfrau mit funktionierendem Bügeleisen wird an AROUND THE WORLD helle Freude haben, die neue Käuferschicht wartet schon. Im Ernst, es ist ein netter, direkter Posong mit deutlichem U2-Appeal, gefällig arrangiert.
Schwer zu fassen ist HIGHER, das unglücklich konstruiert wurde und unmelodiös seinem Ende entgegenschwurbelt.
Deutlich straighter lässt sich RETAIL THERAPY an, das Stück welches am ehesten dem Stil von American Solider ähnelt und eingängig rockt.
DRIVE beginnt modern und lässt hoffen, geht aber nicht so gut weiter, sondern stolpert ein wenig orientierungslos durch die Laustsprecher. Da wäre melodisch weitaus mehr drin gewesen.
Überhaupt Gitarren - die gehören inzwischen nicht mehr zum Standardinventar der Band. Michael Wilton wird schon wissen, weshalb er an den Aufnahmen nur marginal teilgenommen hat.
Einige Gitarrensoli sind dilettant, ohne Phrasierung, emotionslos und stümperhaft runtergeschrubbt. Wenn ich Geoff Tates Saxophonspiel spannender finde als die Leistungen an der Gitarre, spricht das Bände.
Kann ich mir aussuchen, ob es Kelly Gray oder doch Parker Lundgren zu verantworten hat?
Erst dann folgt endlich der erste Song, der einen daran erinnert, welcher Band wir eigentlich zuhören: AT THE EDGE.
Wären nicht ständig unnötige Unterbrechungen integriert und der Gesangsteil melodischer und flüssiger arrangiert, und nicht mit rapartigen Stilmitteln verunstaltet, könnte der Song sogar als Ganzes zünden. Das zu erwartende Gitarrensolo wurde durch ein Saxophon ersetzt - das ist der echte Queensryche-Moment mit Gänsehaut-Effekt! Großer Spaß!
Ich rieb mir die Hände und dachte, Anlaufphase vorbei, jetzt geht's los. Bei 16 Tracks wäre das okay...
Doch das war es schon mit der Herrlichkeit.
Durch den Rest der Scheibe schleppte ich mich irgendwie hindurch, ohne das die große Erleuchtung kam.
Viele Durchläufe folgten. Ernüchterung blieb.
Es dominieren uninspirierte Keyboardballaden und einfallsloses Geschrammel. Immer wenn Songs interessant beginnen, werden sie im Laufe der Spielzeit nur irgendwie über die Runden gebracht. Moderne Grooves wie in Drive werden zuwenig ausgenutzt oder nicht konsequent entwickelt.
Einzig HARD TIMES überzeugte mit lässigem Bassgroove und fragiler Instrumentierung. Ein nachdenkliches Stück Musik.
I TAKE YOU bietet einen halbwegs funktionierenden Rocksong mit eingestreuten Hip-Hop-Vocals. An BIG NOIZE könnte man auch noch einige Freude finden, sofern es nicht sttört, das man beim Liedaufbau geschlampt hat. Jedes mal wenn es losgeht, setzt der Fluss aus. Als angekündigter Epic untauglich, atmosphärisch aber gelungen.
Gesanglich ist auch nicht mehr wahnsinnig viel los.
Man erinnere sich, früher hiess es: Das Niveau singt. Heute heisst es, das Niveau sinkt, und zwar stetig.
Dafür öfter mal was neues - Geoff Tate rappt, keucht, meckert und flüstert sich (wie Barry White) durch seine Texte, die einen teilweise beschämen.
Und bitte Leute, was sollen wir Fans mit Stücken wie WOT WE DO anfangen? Das ist nicht böse gemeint, aber ist das wirklich Euer ernst? Wir sind mit Eurer abenteuerlichen Gitarrenmusik aufgewachsen, ihr habt in der Metalszene Maßstäbe gesetzt, Innovationen herbeigeführt - und nun präsentiert ihr uns soften Hip-Hop!? Das hat gar nichts mehr mit Queensryche zu tun!! Und als ob der Gipfel noch nicht erreicht wäre, setzten sie mit GOT IT BAD noch einen drauf.
Tja, schaut man sich die Songtitel an, könnte der Eindruck entstehen, sie wüssten was sie uns antun:
Wir durchleben HARD TIMES, fühlen uns BROKEN, erleben BIG NOIZE um nichts, wissen um THE LIE die diese Band inzwischen ist.
Ja, LUVNU (IS SO HARD TO DO).
Allein die Schreibweise mancher Titel ist so lachhaft wie das Album selber.
Inzwischen ist der Punkt erreicht, das man mangelndes Songwriting nicht mehr durch fortwährende stilistische Mutation rechtfertigen kann. Queensryche haben musikalisch nicht nur ihr Stammpublikum aus den Augen verloren, sondern haben musikalisch auch nichts mehr zu sagen. Mehr noch, sie berauben sich jeglicher übrig gebliebener Seriosität.
Das Songwriting wurde erneut größtenteils outsourced. (an Randy Gane, Kelly Gray, Jason Slater etc) Es ist bezeichnend, wenn der beste Song des Albums von Scott Rockenfield stammt!
Ich sag Euch, wem diese Scheibe Spaß machen kann: All denen, die auch an Geoffs Soloalbum gefallen fanden. D2C schlägt zu 100% in dieselbe Kerbe, mehr noch, es ist wie die direkte Fortsetzung dessen.
Angenehme, moderne, rhythmische Musik, stilistisch vielfältig, nicht immer melodiös, oft austauschbar, handwerklich toll umgesetzt und dabei stets um Relevanz bemüht. Was dem Album fehlt, ist der Überraschungsmoment, der geniale Einfall, die unerhörte Melodie. Und die Glaubwürdigkeit.
Wer das beherzigt, wird DTC sicherlich mögen.
This is not Metal. Not even Rock. Who cares. Es it Pop. Aber leider kein sonderlich einfallsreicher.
Man kann wirklich gespannt sein, wie die Fans auf Dedicated to Chaos reagieren werden.