Wer sich über dieses Buch informiert, dem muss man den Autor wohl nicht mehr vorstellen. Falls doch, hier nochmal Jay-Z im Schnelldurchlauf: geboren als Shawn Carter, Rapper aus Brooklyn, New York, der es vom kleinen Drogendealer auf der Straße zu einem weltbekannten und einen der erfolgreichsten Rapper aller Zeiten geschafft hat. So weit, so bekannt.
Nachdem dieser Jay-Z vor einigen Jahren die Veröffentlichung seines ersten Buches namens "The Black Book" in letzter Sekunde gestoppt hatte, ist nun also "Decoded" erschienen. Doch das Buch hat wenig mit einer Autobiografie eines Stars in herkömmlichen Sinne gemeinsam. Wer hier etwas über Jay's Privatleben erfahren möchte a lá So-habe-ich-Beyonce-kennengelernt-und-darum-haben-wir-noch-keine-Kinder ist falsch. Der Grund dafür ist derselbe, aus dem auch laut seiner eigenen Aussage der Vorgänger damals gestoppt wurde: Jay-Z ist ein privater und introvertierter Mensch, der sich nicht durch sein Privatleben, sondern durch seine Tätigkeit definiert sehen möchte.
Und die steht dann auch im Vordergrund und ist das Hauptthema des Buches: Hip Hop, Rap, Lyrics. Immer wieder geht Jay auf die Geschichte und Entstehung des Genres Rap ein, zitiert Legenden früherer Tage oder schildert sehr anschaulich, was ein Rapper beherrschen muss und was ihn ausmacht. Das heißt nicht, dass Privates gänzlich ausgeblendet wird, denn Jay nimmt den Leser mit in seine Vergangenheit: Über seine schwere, von Armut geprägte Kindheit im Ghetto von Marcy, Brooklyn, über seine kriminellen Anfänge als Jugendlicher, die mit den Jahren in ein Dasein als erfahrener Drogendealer mündeten, sein danach folgender Einstieg ins Rap-Business.
Doch egal, ob es um sein früheres Leben oder ums Rappen geht, im Mittelpunkt steht dabei von Anfang bis Ende so gut wie immer nur eins: Hustlen. "Hustlen" bedeutet nichts anderes als das Verkaufen von Drogen. Warum es so im Mittelpunkt steht? Ganz einfach: in fast jedem seiner Lieder geht Jay-Z auf diese Thematik ein. Das Dasein als Hustler in seinem früheren Leben hat ihn derart geprägt, dass es ein immer wiederkehrendes Motiv in seiner Musik und damit auch in diesem Buch ist. Das kann auf die Dauer etwas ermüdend wirken, doch er schafft es immer wieder an seinem Leitmotiv neue und interessante Facetten aufzuzeigen.
Das Konzept und die Erzählensweise in "Decoded" sind interessant wie außergewöhnlich: Jay geht in den zahlreichen Kapiteln zuerst in einem einleitenden, längeren Text auf verschiedenste Abschnitte und Erinnerungen aus seinem Leben ein, die für ihn von Bedeutung waren und ihn prägten. Danach folgen dann jeweils drei Songtexte aus seiner Laufbahn, die thematisch den Einleitungstext ergänzen und deren Lyrics anhand vcn Fußnoten von ihm persönlich erklärt und "entschlüsselt" (=decoded) werden. Selbst als jahrelanger Jay-Z-Hörer bekommen die auf diese Weise erklärten Songs und ihre Texte eine ganz neue Dimension und Tiefe.
Beispiel: nach seinem Hit "99 Problems" und dessen Chorus "I got 99 Problem but a bitch ain't one" wurde der Song als frauenverachtend kritisiert. "Bitch" wird in der Umgangssprache aber auch ein weiblicher Hund genannt, und genau solch einer war gemeint, sagt Jay-Z. Und liefert gleich die Hintergrundgeschichte dazu, die ihm passierte und ihn zu diesem Track inspirierte. Das ist die größte Stärke des Buches: der Leser wird vom Verfasser der Reime, die er schon Dutzende Mal gehört hat, an der Hand genommen und über die wahre Bedeutung und die Hintergrundgeschichte des Gehörten aufgeklärt.
Das alles findet natürlich auf Englisch statt, und wer nicht über fortgeschrittene Kenntnisse der Sprache verfügt, wird hoffnungslos überfordert sein. Auch eine gewisse Vorkenntnis bzgl. des Autors und Rapmusik im Allgemeinen schadet sicher nicht, auch wenn seine Erzählweise mitunter auch auf "Anfänger" ausgerichtet ist. Die Gestaltung des Buchs ist wiederum positiv hervorzuheben. Es gibt unzählige Bilder, Porträts und Momentaufnahmen, die zwar nie den Autor selbst, dafür aber immer irgendetwas oder irgendwen zeigen, der entweder im Text direkt genannt oder auf den zumindest Bezug genommen wird - von Malcolm X über Che Guevara bis hin zu Tupac Shakur. Sehr sehenswert.
Wer "Decoded" kauft, bekommt also ein vielschichtiges Produkt. Es ist Autobiografie, Sozialstudie, Genrebeschreibung und lyrische "Entschlüsselung" zugleich. Eine außergewöhnliche Mischung, die aber sehr gut funktioniert.