...beschreibt das Buch 'Decision Points' gerade nicht. Sehr verständlich greift Bush prägende 'Decision Points' seines Lebens und seiner Präsidentschaft auf und gewährt über sie Einblick in seine Biografie, seine politische Arbeit, seine Grundsätze, ihn prägende Menschen und seinen Glauben. Wer es nicht schon ahnte, der weiß nach der Lektüre, dass zweierlei den politischen Bush prägt.
Der eine Aspekt ist die Überzeugung, dass der Mensch zur Freiheit geboren ist, da er sich nur in Freiheit (auch der Märkte) am besten und zum Besten entfalten kann. Das ist für einen republikanischen Amerikaner zwar eine Binse. Das Buch zeigt aber schön, wie Bush diese Überzeugung immer wieder bestätigt sieht. Etwa durch Begegnungen nach dem Zusammenbruch des Sozialismus. Während der UN-Resolutionen zum Irak fällt Bush auf, dass ehemalige Ostblockpolitiker sensibler auf und entschiedener gegen Saddam Hussein reagieren als ihre westlichen Kollegen. Und während Bush mit Tony Blair den Film 'Meine Frau, ihre Eltern und ich' anschaut, sieht er mit Merkel 'Das Leben der Anderen'.
Der andere prägende Aspekt kommt zu Beginn seiner Präsidentschaft unvermittelt und nachhaltig: 9/11 und die Bedrohung der USA. Diese Bedrohung wirft andere Ziele, die sich Bush gesetzt hat, über den Haufen ' so wollte er 'Education President' werden, nicht 'War President'. Doch 9/11 ist nun bei Bushs politischen Entscheidungen fast immer präsent. Wenn 19 Männer mit Teppichmessern aus heiterem Himmel solche Vernichtung anrichten können, zu was - so Bushs Überzeugung - ist dann Saddam fähig, der an seiner Haltung und seiner Grausamkeit keinen Zweifel lässt? Äußerst interessant ist entsprechend das Kapitel über Überlegungen und Ereignisse, die zum PATRIOT ACT und zu CIA-Programmen, zu Guantanamo Bay und zum Waterboarding geführt haben.
Neben 9/11 und den Folgen bekommen u.a. das Krisenmanagement bei Hurrikan 'Katrina', der Kampf gegen AIDS und die Finanzkrise jeweils ein eigenes Kapitel. In 14 Kapiteln äußert Bush seine Sicht zu ziemlich allen Punkten, unter denen seine Präsidentschaft auch hier kritisch betrachtet wurde. Dabei zeigt er Selbstkritik. Er spekuliert, was er falsch gemacht hat, was er hätte besser machen können, und wo er möglicherweise falsch wahrgenommen wurde. Seine Haltung zur embryonalen Stammzellenforschung - Nancy Reagan setzte ihn mit Verweis auf den Alzheimer ihres Mannes unter besonderen Druck - hat sich im Nachhinein als nicht falsch erwiesen. Und ganz aktuell wurde Khalid Sheikh Mohammeds Mord an Daniel Pearl bewiesen - die entsprechende Aussage des Sheikh Mohammed war bislang strittig, da sie durch Waterboarding zustande kam.
Bush hat natürlich den Vorteil jedes Memoirenschreibers: Er blickt auf Abgeschlossenes zurück und kann manches plausibel zurechtrücken. Doch behandelt Bush Punkte, die über die USA hinaus Beachtung fanden. So ist interessant, seine Beurteilung zu lesen. Die ist aufschlussreich und überrascht teils. Bush zeigt sich glaubhaft fassungslos angesichts nicht vorhandener Massenvernichtungswaffen: wieso hat Saddam einen Krieg riskiert, den er nur verlieren konnte? Aber er steht zum Einmarsch in den Irak und zeichnet zur fragilen Demokratie Iraks in 2010 eine mögliche Alternative: ein durch den gestiegenen Ölpreis saturierter Saddam, von der Handlungsunfähigkeit der UN restlos überzeugt, tritt in einen nuklearen Wettlauf mit dem Iran.
Wie Bush hat sein Buch oft den Tonfall, der als Ausdruck seiner Dämlichkeit verstanden wurde, mich aber positiv amüsiert hat: Wenn es passt, schreibt Bush sehr humorvoll. Schließlich durchzieht sein Buch Glaube, Bibel, Gebet und die Symbolkraft von Gesten und Ritualen. Wer Bush nicht mag, kann das Buch lesen und daraus ableiten, dass seine Politik sich aus Gebeten und symbolträchtigen Inszenierungen speiste. Wobei es dazu bereits erschöpfend Literatur gibt, von seriös bis Klamauk. Es gibt Bücher von Persönlichkeiten, die auch dann gefallen, wenn man die Person ablehnt. 'Decision Points' gehört nicht dazu. Wer aber Bush und seiner Amtsführung etwas abgewinnen konnte, liest das Buch mit viel Gewinn.