Die niederländische Band After Forever hat ihr Flaggschiff endgültig aus dem Kielwasser solcher Bands wie Nightwish oder Within Temptation manövriert. Floor Jansen kann die Konkurrenz mit Leichtigkeit in die Schranken verweisen. Ihre Stimme ist so vielfältig, wie keine Stimme im Bereich der Metal-Musik seit langem. Seit dem letzten Album "Prison of Desire" (ebenfalls äußerst höhrenswert) deutlich an Intensität und Kraft gewonnen führt sie die musikalische Vision der Gitarristen und Grunzer Sander Gommans und Mark Jansen zu einer Klimax fern jeder Kritik. Die Songs sind abwechslungsreich und komplex, sowohl von der Thematik der Texte als auch der Komposition der Musik. Manch einem mag das Grunzen störend auffallen, allerdings gliedern sich diese aggressiven Röhrattacken herrlich kontrastreich dem klaren Sopran und dem Chor unter.
"Decipher" bietet verschiedenste musikalische Stilrichtungen, inbesondere die Ausflüge in arabische Melodieverläufe fallen auf und befremden zunächst. Dabei ist das Album keine leichte Kost, ohne das als negatives Merkmal anführen zu wollen. 4 Takte After Forever sind komplexer als die Gesamtheit der hiesigen Charts, garantiert!
Wer sich auf After Forever einläßt, der kommt nicht umher, sich Zeit zu nehmen für die komplexen Songs, die sich nicht scheuen, in geradezu unendlicher Variationsfreude das Spektrum und Können der Songwriter und Interpreten zu präsentieren. Am deutlichsten kommt das bei "Estranged" zur Geltung. Tonartwechsel, Modulationen und Rhymthmussprünge im rasanten Tempo machen diesen Song zu einer verführerischen Reise durch die Möglichkeiten des Heavy Metal. Von dem gegrunzten Refrain über die bombastischen Schlagzeugeinlagen, dem weichen Keyboardteppich bis hin zu einer von trauriger Schönheit durchzogenen Klimax im weiblichen Leadgesang lädt der Song ein zum Entdecken und Träumen. Um sich ein Bild von Floors Stimme machen zu können sollte man sich den Anfang von "Intrinsic" wohlschmecken lassen, und letzten Endes das gesamte Lied goutieren. Mit soviel Gefühl hat in den letzten Jahren keine Stimme einen eigentlich philosophischen Text verschönert (Mark ist schließlich Student der Philosophie, wenngleich ausgerechnet diese Lyrics von seiner Schwester Floor stammen). Im Bereich der musikalischen Textinterpretation punktet der Song "Zenith" äußerst hoch. Der Refrain baut sich wie eine Spirale auf, um auf höchster Amplitude Floors Stimme zum Strahlen zu bringen. Nicht weniger interessant der kritische Blick der Band in den Nahen Osten im Song "Forlorn Hope". Die arabischen Klänge entführen einen sofort ins Land des Djihad und führen einem die Thematik der Lyrics nur allzu deutlich vor Augen, wenn sich das Finale des Songs in einer Anklage an jeden Heiligen Krieg entlädt.
Wer sich nicht von gelegentlichen Grunzattacken stören läßt erhält mit "Decipher" zweifelsohne eines der interessantesten musikalischen Werke der letzten Jahre.