Die vorliegende Aufnahme von Mahlers zweiter Sinfonie (1888-1894) mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Zubin Mehta (Jahrgang 1936) ist 1975 entstanden. Bis heute genießt sie Referenzstatus, der mit dieser Besprechung aber nicht bestätigt werden kann.
Mahlers zweite Sinfonie ("Auferstehungssinfonie") knüpft in ihrer sinfonisch-instrumentalen Gestaltung zwar noch an die erste Sinfonie (Satz 1-3) an, weist thematisch und in ihrer vokalen Inszenierung (Satz 4 und 5) aber schon voraus auf die späte achte Sinfonie. Zeitlich steht sie am Beginn von Mahlers Schaffen, musikalisch umfasst sie fast Mahlers gesamtes Oeuvre. Das ist recht überschaubar; trotzdem ist Gustav Mahler (1860-1911) der bedeutendste Komponist des 20. Jahrhunderts; seine Musik markiert den Übergang von der Spätromantik zur Moderne. Sie ist musikalischer Ausdruck des zumal in Wien universell erfahrbaren Fin de Siecle, Kulminationspunkt und radikale Infragestellung der klassischen und romantischen Sinfonik und sie ist vor allem eine in Klang gegossene Natur- und Zivilisationsphilosophie. Eine, die die Ambivalenz zwischen harmloser Folklore und großstädtischer Neurasthenie, zwischen Naturklang und Militärkapelle, zwischen vermeintlicher Transzendenz und trivialer Endlichkeit buchstäblich ausspielt. In diese Ambivalenz gehört das Verhältnis von Stimme und mechanischem Klang; nahezu Mahlers gesamtes Schaffen ist Vokalsinfonik. Wenn auch oft nicht direkt hörbar, so ist die menschliche Stimme stets gemeint; und sei es, als unterdrückte, als Abdruck, als Abwesendes.
Mahlers Musik geht der so genannten Zweiten Wiener Schule (Berg, Schönberg, Webern) voraus; das bereits um die Jahrhundertwende vielfach geäußerte Ressentiment gegen den jüdischen Komponisten Gustav Mahler hat, verstärkt durch den Rassenwahn des nationalsozialistischen Terrors, zu einer sehr nachhaltigen Verdrängung seiner Musik geführt. Insbesondere Leonard Bernstein hat sich in den 1960er Jahren verdient gemacht um die Musik Gustav Mahlers und gleichsam eine seither nicht mehr enden wollende Mahler-Renaissance eingeläutet. Kaum ein Komponist erfährt heute mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung in zahllosen Aufführungen, Einspielungen oder Buchpublikationen. Das ist nicht so ganz selbstverständlich, denn Mahlers Musik ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht so ohne Weiteres zugänglich; immerhin bricht Mahler mit vielen Traditionen; er antizipiert die Atonalität und die Dissonanzen der so genannten Zwölftonmusik oder treibt musikalische Persiflagen ins Groteske.
Mahlers zweite Sinfonie ist bereits eine frühe Vollendung seines Schaffens; erst die achte Sinfonie wird die hier eingesetzte Intensität der Vokalsinfonik tatsächlich einholen und überbieten. Kaum ein Werk Mahlers wirkt bedrängender, zwingender und berührender als seine zweite Sinfonie, in der er, jeder ihm vielfach nachgesagten Todessehnsucht gänzlich abgeneigt, die Wiederauferstehung, ja seine persönliche Wiederauferstehungsphilosophie feiert. Die ist mit seiner Naturphilosophie aufs Engste verwoben und hat allenfalls äußerlich Züge einer christlichen Religion oder Theologie. Mahler bekannte sich vielmehr zu einem an Goethe angelehnten Pantheismus und so sind auch seine Kompositionen musikalischer Pantheismus.
Alledem wird die vorliegende Einspielung, seit kurzem auch Bestandteil der Gustav Mahler Complete Edition (Deutsche Grammophon), nur zum Teil gerecht. Mehta und die Wiener Philharmoniker haben Mahlers zweite Sinfonie gleichsam in die Romantik zurückübersetzt und dabei das Unzugängliche, das Widersprüchliche, das "Falsche" in dieser Musik verharmlost und nivelliert. Ein "Mahler" à la Karajan - was freilich kein Kompliment sein kann. Auch die Vokalsolisten wissen nicht recht zu überzeugen. Das gilt insbesondere, horribile dictu, für Christa Ludwig, die sich erkennbar schwer damit tut, einen Zugang zum Geist und zum Buchstaben Mahlers zu finden. Ihr Mezzosopran wirkt obendrein patiniert, belegt, verhangen, so dass für die Vokalpassagen von Mahlers zweiter Sinfonie auf andere Aufnahmen (z.B. Mariss Jansons' aktuelle Einspielung mit Bernharda Fink) hingewiesen werden muss. Alles in allem eine zwar ordentliche, aber längst nicht mehr legendäre, ja eigentümlich unzeitgemäß wirkende Aufnahme von Mahlers zweiter Sinfonie.