Peter Pears (Tenor) und Benjamin Britten (Klavier) haben im Oktober 1963 diesen "Zyklus schauerlicher Lieder" (Schubert) auf LP eingespielt, und es ist aus meiner Sicht eine wahre Jahrhundert-Aufnahme geworden, eine der ganz wenigen, die diesen Namen wirklich und uneingeschränkt verdienen. Es geht bei dieser Liederfolge um den Weg eines enttäuschten Liebhabers, vordergründig durch eine kahle winterliche Landschaft, in Wahrheit aber um einen Weg von außen nach innen, von der wirklichen Welt in eine ideale. Dieser Weg führt schließlich nicht, wie vielleicht erhofft, in eine schöne Unendlichkeit, in ein romantisches Land, nein, der Wanderer dieser Winterreise muß erkennen, daß er das Wirtshaus nicht erreicht, daß er die Grenzen irdischen Seins nicht überschreiten kann - sein Weg nach innen führt ans Ende, ins Nichts.
Kein bedeutender Interpret der WINTERREISE, weder Dietrich Fischer-Dieskau (in mindestens 7 Einspielungen), Gérard Souzay, Hermann Prey, Peter Anders oder Hans Hotter, hat uns dieses tiefe Geheimnis des unvergänglichen Liederzyklus so nahezubringen vermocht wie der englische Tenor mit seinem ganz eigenartigen, unverwechselbaren Timbre. Gewiß, mancher Hörer mag zunächst mit Pears' gewöhnungsbedürftiger Stimme Probleme haben, aber wenn er sich erst einmal eingehört hat, wird er umso ergriffener sein. Mehr als alle seine Kollegen malt Pears die Winterreise in düsteren Farben, umgibt sie mit einer schier ausweglosen Resignation. Selbst in den wenigen Liedern, die die schauerliche Stimmung etwas aufhellen, wie z.B. im "Frühlingstraum", besagt "die Imagination von Glück nicht Hoffnung, sondern die Einsicht in die Unmöglichkeit der Erfüllung von Glück. Der Zyklus erschließt sich als innerer Monolog von Schmerzen: Liebe als Leiderfahrung. Für diese Interpretation könnte man einmal mehr zum Begriff des orphischen Singens greifen: Trauerarbeit eines lyrisch sich aussingenden und klagenden Ichs" (J. Kesting).
Das Klavierspiel von Benjamin Britten ist von einzigartiger Qualität, er ist dem Sänger ein kongenialer Partner. Selten gab es eine solche ideale Verschmelzung von Gesang und Begleitung. Die Klangtechnik der Aufnahme ist gut, das Textbuch ist sehr ausführlich und bringt auch sämtliche Liedertexte.
Für interessierte Hörer sei noch vermerkt, daß das Duo Pears/Britten exakt vier Jahre früher, im Oktober 1959, auch eine ganz wunderbare Interpretation von Schuberts "Schöner Müllerin" aufgenommen hat. Diese Produktion hat nur einen ernsthaften Konkurrenten: Die Version Aksel Schiötz/Gerald Moore (EMI, um 1940, leider z.Zt. nicht erhältlich).