Der Reclam Verlag hat für den vorliegenden Band zwanzig Novellen aus Giovanni Boccaccios Decameron ausgewählt und zweisprachig gedruckt. Das Buch ist ausgiebig kommentiert und auch die Verweise auf die Quellen und Anregungen, die Boccaccio verwendete sind sehr hilfreich. Ich vermag den Originalwortlaut nicht zu beurteilen, da ich des Italienischen nicht mächtig bin, allein die Lektüre der deutschen Übersetzung regte zum Schmunzeln und Nachdenken an.
Im Vorwort weist Boccaccio darauf hin, dass seine Geschichten für ein weibliches Publikum bestimmt sind, die "ebenso wohl Vergnügen an den dargebotenen ergötzlichen Dingen als auch nützlichen Rat gewinnen können". Das Buch soll überdies ein Trostspender für alle diejenigen sein, welche "in hoher und edler Liebe" entbrannt sind, aber eben dadurch eine große Pein ertragen müssen.
Das Decameron setzt sich aus 100 Novellen zusammen. An 10 Tagen erzählen sieben Damen und drei Herren jeweils eine Geschichte. Die Erzählungen jeden Tages stehen unter einem bestimmten Leitspruch.
In der ersten Novelle des ersten Erzähltages kritisiert Boccaccio die Leichtgläubigkeit der Menschen. Am Beispiel eines bösen Menschen, der auf dem Sterbebett durch Wortverdrehungen und Falschauslegung von Worten als Heiliger erstrahlt, verdeutlicht Boccaccio, wie schwer die Trennung von Gut und Böse mitunter fällt.
Auch die zehnte Novelle des sechsten Tages greift das Thema Leichtgläubigkeit auf. Einem Ordensbruder der "Almosen von den Dummen" (in Wirklichkeit wohlhabende Familien) einsammelt, wird eine "Reliquie" aus seiner Sammlung gegen ein Stück Kohle vertauscht. Schlagfertig erklärt er der versammelten Menge, Gott habe die Reliquien vertauscht. Ein deutlicher Hinweis auf den Missbrauch, der zu jener Zeit mit dem Heiligenkult getrieben wurde.
Überhaupt war der Klerus eine beliebte Zielscheibe von Boccaccios Spott. Schlemmerei, Trunksucht, Wolllust und Geiz sind Verfehlungen, die er der Geistlichkeit vorwirft. In der zweiten Novelle des ersten Tages gelangt ein Jude zu dem Schluss, dass die christliche Religion die wahre sei. Obwohl der heilige Vater daran arbeite "der christlichen Religion den Garaus zu machen" leuchte sie heller denn je. Also kann Gottes Wort nicht von menschlichen Schwächen verunreinigt werden.
Von der "Geizespest der Kleriker" handelt die sechste Novelle des ersten Tages. Ein einfacher Mann hält einem Inquisitor des Franziskanerordens scheinheilige Nächstenliebe vor, weil sie "den Armen geben, was sie besser den Schweinen geben oder wegschütten sollten".
Die Lehre der vierten Novelle des ersten Tages könnte lauten: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Ein Abt ertappt einen jungen Mönch in flagranti. Er erliegt jedoch selbst der Fleischeslust. Als ihn der Mönch sanft darauf hinweist, sah er "seine Schuld ein und schämte sich, dass er dem Mönch antun wollte, was er selbst ebenso sehr verdient hatte."
Wie aus Liebe Hass werden kann, erfahren wir in der fünften Novelle des achten Tages. Auf einem toten Ritter lastet ein Fluch. Weil seine Geliebte ihn zurückgewiesen hatte, muss er sie immer wieder töten. Dieses Schauspiel öffnet einer versteinerten Dame die Augen und führt sie dem Herzen ihres Verehrers zu.
Dass "Dummheit häufig manch einen aus einem glücklichen Zustand in tiefstes Elend bringt, der Verstand den Weisen (jedoch) aus großen Gefahren befreit und ihm einen sicheren Hort der Ruhe verschafft", lehrt uns die dritte Novelle des ersten Tages. Kern der Novelle ist die berühmte Ringparabel, die Lessing als Vorlage für sein Schauspiel "Nathan der Weise" diente; ein Plädoyer für Toleranz und Religionsfreiheit das mit den Worten endet: "Ein jedes Volk glaubt, Gottes Erbe, sein wahres Gesetz zu besitzen und unmittelbar seinen Willen auszuführen. Aber wer es wirklich besitzt, das ist, wie bei den Ringen, eine noch offene Streitfrage".
Oft wird uns der Wert eines Gutes erst durch seinen Verlust bewusst. Davon kündet die dritte Novelle des zweiten Tages. Eine Florentiner Kaufmannsfamilie erwirtschaftet reichen Besitz, den die Söhne "zügellos und ungehemmt" verprassen. "Erst die Armut öffnete ihnen die Augen, welche der Reichtum ihnen verschlossen hatte".
In zwei kurzen Novellen wird das selbstbewusste Auftreten von Frauen beschrieben, die Königen ihre Schwächen vorhalten und so zu einer Änderung von deren Verhalten beitragen.
Liebe kann Standesgrenzen überschreiten. Mit dieser Provokation fordert Boccaccio die Traditionalisten jener Zeit heraus. Für Boccaccio ist Adel nicht allein eine Frage der Geburt: "Wer tugendhaft handelt zeigt, dass er adlig ist". Doch die Novelle endet traurig: "Fortuna war neidisch" auf die Liebenden heißt es.
Den Niedergang des höfischen Lebens und die "abscheulichen und verdorbenen Sitten der Leute, die heutzutage Edelleute und Herren genannt und als solche angesehen werden wollen", beklagt Boccaccio in einer anderen Novelle. Statt Frieden zu stiften, bemühen sich die Höflinge darum, Krieg und Feindschaft zu schüren.
Resümee: Boccaccios Decameron bietet kurzweilige Unterhaltung und ist gleichzeitig ein Sittengemälde der florentinischen Gesellschaft des vierzehnten Jahrhunderts. Dem Vorwurf der allzu großzügigen Freizügigkeit hält er entgegen, dass sein Werk für ein junges Publikum aber verständiges geschrieben wurde und seine Novellen nicht mehr zu tadeln sind als die "Spässe, Albernheiten und Witzeleien", welche die Mönche in ihren Predigen erzählen.
Ich stimme ihm jedoch nicht zu, dass anständige Worte einem verdorbenen Geist ebenso wenig nützen, wie nicht so anständige Worte einem wohlgeratenen Geist schaden. Mag sein, dass seine Novellen zum Nachdenken anregen und tugendhaftes Verhalten und moralische Werte fördern, doch die Beliebtheit des Werkes im Volk führe ich zum großen Teil auf die derben Späße und lasziven Andeutungen zurück.