Desmond Bates kann sich eigentlich nicht beklagen. Er ist Professor für Linguistik, als Emeritus aber schon vier Jahre in (früher) Pension und kann eigentlich die Beine hochlegen. Er ist glücklich verheiratet mit der attraktiven Winifred ("Fred"), die ihre späte berufliche Blüte in einem florierenden Inneneinrichtungs- und Kunstgeschäft gefunden hat. Er hat zwei wohlgeratene Kinder und einen bezaubernden Stiefenkel, dessen erste sprachliche Tastversuche er mit höchstem Interesse verfolgt. Und ja, er hat sogar ab und zu guten Sex in der Ehe.
Aber Desmond Bates ist nicht glücklich in seinem Ruhestand. Die Vergleiche mit seiner - in Beruf wie Ehrenämtern - höchst aktiven Gattin fallen stets zu seinen Ungunsten aus. Die desillusionierenden monatlichen Besuche bei seinem 89-jährigen, halb tauben (aber ganz sturen) Vater in London, der trotz vieler Beinahe-Unfälle im Haushalt nicht einsehen will, dass er alleine nicht mehr zurecht kommt, tragen auch nicht zur Stimmungshebung bei. Und am schlimmsten nagt an ihm die Tatsache, dass er, langsam aber sicher, selbst taub wird. Irreversibel sei das, wurde ihm von Fachärzten bescheinigt. Schlecht und recht schlägt er sich seit etwa 20 Jahren mit Hörgeräten durchs Leben, deren immer stärker verfeinerte Technik aber kaum Schritt halten kann mit seiner zunehmenden Gehörlosigkeit.
Da tritt Alex Loom in sein Leben. Das heißt: er weiß zuerst gar nicht, wie sie heißt, denn sein Hörgerät stößt bei Empfängen mit lauter Hintergrundkonversation unwiderruflich an seine technischen Grenzen. Als er sie wiedersieht (und endlich versteht), schlägt sie ihm vor, ihre geplante Dissertation zu betreuen - über die Sprache in Abschiedsbriefen von Selbstmördern... Desmond Bates ist über das morbide Thema erstaunt, doch geschmeichelt von der Nachfrage nach seinem fachwissenschaftlichem Rat. Aber das Verhalten von Alex, die er anfangs einfach als kluge Studentin empfindet, wird immer eigentümlicher, die Verwicklungen nehmen (auch ohne sein Hörproblem) rapide zu und gipfeln schließlich in einer von Alex vorgeschlagenen - und eindeutig sexuell aufgeladenen - "Bestrafungsaktion" ihrer Person.
Als dann noch der Wunsch an Desmond Bates herangetragen wird, für einen kurzfristig verletzten Kollegen einzuspringen und eine Vortragsreise nach Polen zu unternehmen (wo er dann von zwei überraschenden Nachrichten aus der Heimat konfrontiert werden wird, die ihn emotional Achterbahn fahren werden lassen), als dann auch noch kurz vor Antritt der Reise sein Kollege Professor Butterworth, der offizielle Betreuer von Alex Looms Doktorarbeit, an ihn herantritt und ihn in einer sehr heiklen Angelegenheit um Hilfe bittet - da glauben die Leserinnen und Leser schon, dass die Geschichte zu keinem guten Ende finden kann. Und doch ist Desmond Bates am Ende glücklich: als Schüler. In einem Kursus zum Erlernen des Lippenlesens.
David Lodge gelingt es, mit unnachahmlichem, abschnittsweise geradezu sprühendem Humor (der dabei jedoch nie ins lachhaft-karikierende abgleitet), aber auch mit großem Einfühlungsvermögen, hoher Sympathie und gelegentlicher Melancholie, eine Geschichte zu erzählen über Leid und Liebe, Not und Freude, Last und Lust, Hader und Glück moderner Upper-Middleclass-Menschen aus dem akademischen Milieu; eine Geschichte, welche die Protagonisten als das zeigt, was wir nach Ansicht des Autors wohl allesamt zuvorderst und zutiefst sind, auch wenn wir es oft verkennen: Darsteller in einem großen Spiel, das sich "comédie humaine" nennt.
Eine letzte Anmerkung zur englischen Fassung: Der Rezensent ist der Ansicht, dass Bücher nach Möglichkeit stets im Original gelesen werden sollten, weil jede Übersetzung literarischer Texte immer nur eine Annäherung sein kann (dies lässt sich exemplarisch schon am nicht zu übersetzenden englischen Titel-Wortspiel, deaf sentence, illustrieren). Zur problemlosen Lektüre dieses Buches sind Englischkenntnisse auf sehr gutem Reifeprüfungsniveau hilfreich. Ein umfangreicheres Wörterbuch zum Nachschlagen der einen oder anderen ausgefallenen oder seltenen Vokabel ist nichtsdestoweniger stets von Nutzen.