Ich habe den Roman "Deadwood" vor 20 Jahren mal in den USA in der Hand gehabt und wieder weg gelegt, weil ich damals dachte, geschriebene Western interessierten mich nicht. Wie man irren kann...
Die Freunde Wild Bill Hickock und Charlie Utter reiten in Deadwood ein, wo sie sich niederlassen. Während Wild Bill seinen Hobbies Trinken und Schießen frönt, versucht Charlie, verschiedene Geschäfte aufzuziehen. Die Stadt Deadwood, gelegen im Dakota Territorium, ist in diesen Jahren 1876 bis 1878 (in etwa die Zeit der Handlung) nahezu gesetzloses Gebiet. Wer schnell zieht lebt länger. So haben sich hier verschiedene schräge Vögel und leichte Damen angesiedelt, die entweder mit der Goldsuche oder dem Betreiben eines Saloons (bedeutet in Deadwood zumeist: eines Bordells) versuchen, schnelles und gutes Geld zu machen. Schließlich wird Wild Bill Opfer eines feigen Anschlags auf sein Leben und Charlie müht sich, zwischen seiner Frau und Calamity Jane, die sich für seine rechtmäßige Frau hält, zu vermitteln. Desweiteren werden die Geschichten verschiedener Personen der Stadt erzählt: die von China Doll, ein chinesisches Freudenmädchen, daß sich an Wild Bill und Charlie rächen will, da diese die Leiche ihre Bruders (in Unkenntnis der chinesischen Bestattungsgebräuche) verbrannt haben, zugleich aber vom Partner des Sherriffs gefreit wird, was zu diversen Verwicklungen führt; des "Flaschenfreundes", auch "Schwachkopf" genannt, ein Experte in Sachen Selbstmord und Betreiber der örtlichen Badeanstalt...na ja, des örtlichen Bades, die Geschichte von Charlies Stiefneffen, der Bills Pferd versehentlich tötet und alles dafür tut, es abzubezahlen, zumindest solange, bis er in den Händen eines Predigers zum Verkünder einer neuen Religion wird usw usf.
Das alles wird ruhig und lakonisch erzählt, mit trockenem Witz und einem guten Gespür für die Figuren und die Situationen, in denen sich die Figuren wiederfinden. Dexter scheint genau recherchiert zu haben, sein Deadwood kann man sich gut vorstellen und es entspricht mit seinen verschlammten Straßen und den Segeltuchwänden der Häuser, die noch keine sind, den Vorstellungen, die man sich so macht vom Westen, bevor die Zivilisation wirklich Einzug hielt. Alle Figuren, auch die des Charlie Utter, sind hsitorisch verbürgt.
In Anbetracht der Tatsache, daß dieses Buch Mitte der 80er Jahre entstand und veröffentlicht wurde, wundert es mich nicht, daß die Art des Erzählens zumindest mich eher an die sarkastische Erzählweise einer bestimmten amerikanischen Szene der 60er und 70er Jahre erinnert, als an die moderne, durch noch viel mehr Filme geprägte, die heute vorherrscht. Die Story (eigentlich: Stories, denn eine kohärente Erzählung gibt es hier eigentlich nicht) zieht sich dahin, manchmal geht Dexter bis an den Rand des Stillstands und das kann natürlich langweilen, v.a. wenn man das heutige Tempo in Unterhaltungsfilmen und der Unterhaltungsliteratur gewohnt ist. Dies erinnert eher an Richard Brautigan, Kotzwinkle oder Vonnegut. Auch ist der Witz ähnlich sarkastisch und abgedreht, wie bei den erwähnten Autoren. Auch sie lassen schon mal ganze Handlungsabläufe und Spannungsbögen ins Leere laufen und versanden. Ein Kunstgriff, den auch Dexter durchaus anwendet.
Alles in allem ein unterhaltsamer Roman, dessen Alter man allerdings deutlich merkt.
Traurig übrigesn, wenn stimmt, was Pete Dexter selbst über das Entstehen der Serie für HBO erzählt, die weitestgehend auf seinem Buch beruht, was allerdings nie Erwähnung fand. Belegen tut er dies mit der Tatsache, daß auch in der Serie Charlie Utter die heimliche Hauptfigur ist, obwohl dieser in der Realität der Stadt Deadwood nie eine wirklich bedeutende Rolle gespielt hat.