"Hat der weiße Mann gewaschen seine Hand vom Blute des Gemordeten?"
"Ja," antwortete der Gefangene verzagt bei dem Tone dieser Stimme.
"So ist Blut gewesen an dieser Hand, und Blut wird nicht gewaschen mit Wasser, sondern wieder mit Blut: so will es Manitou, und so will es der Große Geist der Savanne..."
Die kaltblütige Hinrichtung des Mörders Holfert, dem Winnetou schließlich von hinten eine Kugel in den Kopf jagt, gehört zu den düstersten und eindrücklichsten Momenten von Karl Mays nur scheinbar makellosen Lichtgestalt. Die vergleichsweise frühe Erzählung "Deadly Dust", die May später ohne große Veränderungen in Winnetou III übernahm, lässt die Heldenfigur und den idealisierten Wilden Westen, in welchem sie lebt, in einem überraschend harten und authentischem Licht erscheinen. Dieser Winnetou ist bereits ein betagter, ein schweigsamer und düsterer Krieger, der auch Fehler begeht. Viel eindrucksvoller wirkt daher seine Bekehrung zur christlichen Heilsbotschaft in der darauf folgenden Erzählung "Ave Maria". Der idealistische junge Häuptlingssohn aus dem später geschriebenen Winnetou I hatte eine solche Bekehrung ja eigentlich gar nicht notwendig...
Nicht zuletzt darum wird es der Karl-May-Verlag für notwendig gehalten haben, diesen "offensichtlichen" Fehler zu "korrigieren". Hat Karl May nicht selbst gesagt, am liebsten schriebe er "alle drei Winnetou-Romane neu"? Nun, hat er aber nicht - und einzig und allein der Karl-May-Verlag sieht sich auf diese Aussage hin aufgefordert und berechtigt, unter anderem Mays Winnetou III einer facettenreichen Umarbeitung zu unterziehen. Die verstörende Hinrichtungsszene wird gestrichen. Dem verstümmelten Westmann Sans-Ear, unter bürgerlichem Namen bekannt als Sam Hawerfield, wird der Name Mark Jorrocks aufgestülpt - ja, warum denn? Glauben die denn wirklich, dass ein einigermaßen aufmerksamer Leser ihn nur aufgrund seines Vornamens mit dem skalpierten Sam Hawkens durcheinander bringt? Der Schwarze Bob wird umgetauft in Cäsar, damit man ihn nicht mit dem "Sliding Bob" aus "Unter Geiern" verwechselt (einen Titel, den May, nebenbei gesagt, ebenfalls nie geschrieben hat: seine Version trug die Titel "Der Sohn des Bärenjägers" und/oder "Die Helden des Westens"). Für wie dumm hält uns denn der Karl-May-Verlag nun eigentlich? Und damit hört es noch nicht einmal auf. Wo Karl May historisch korrekt "Apachen" und "Comanchen" schreibt, verbessert der Karl-May-Verlag "Apatschen" und "Komantschen", zahlreiche englische Ausdrücke, die Karl May um der Atmosphäre willen völlig verständlich und nachvollziehbar in seinen deutschen Text einbaut, werden übersetzt, so dass es dann statt des aus dem Zusammenhang heraus völlig verständlichen "Conductor" auf gut deutsch "Schaffner" heißt - warum dann nicht gleich "Heinrich-Stutzen", oder "Alte-Schmetter-Hand"? Warum, zum Teufel, will der Karl-May-Verlag immer alles besser wissen als Karl May selbst?
Immerhin hat der Karl-May-Verlag ganze Arbeit geleistet: die vielen verschiedenen, und, im Gegensatz zum Karl-May-Verlag, textgetreuen Ausgaben sind nach und nach aus dem freien Handel verschwunden. Selbst die wunderschöne, dem Karl-May-Verlag bei weitem überlegene Bertelsmann-Ausgabe mit nostalgischem Einband, Kartenmaterial und nicht zuletzt den herrlichen, zeitgenössischen Illustrationen ist heute nur noch antiquarisch erhältlich und erzielt Sammlerpreise von bis zu 700 Euro... Von den Karl-May-Lesern, die es heute noch gibt, wissen nur noch die wenigsten, dass, was der Karl-May-Verlag anzubieten hat, der letzten Hand seines Autors keineswegs entspricht.
Nun ja: manchmal - wenn auch selten - bringt der Karl-May-Verlag es fertig, einen winzigen Teil dieses selbstverschuldeten Chaos in Ordnung zu bringen. So lesen wir denn hier zwei Winnetou-Geschichten, die zwar unter anderem auch von dem tragischen Ende des Apachenhäuptlings handeln, und die dennoch zu den frühen Winnetou-Geschichten Mays zählen. Ohne tief greifende Veränderungen ist hier der Text der originalen Erstausgaben jener zwei Erzählungen wiedergegeben, die Karl May später zu Winnetou III zusammenfügte. Die Hinrichtungsszene findet wieder statt, und auch alles andere wirkt nach einer oberflächlichen Betrachtung durchaus so, wie es sich wohl auch Karl May gedacht hat.
Moment - so wie Karl May es sich gedacht hat? Nun, das ja nun auch wieder nicht - denn der hat sie sich ja, genau so, wie sie eben waren, als dritten Teil seiner Winnetou-Tetralogie gedacht. - Zusammenfassend: ja, es ist schön, dass sich auch der Karl-May-Verlag immerhin ansatzweise bemüht, einige jener Facetten Mayschen Erzählungen und Heldenfiguren ans Bewusstsein zu fördern, um welche er sie einst selbst erleichtert hat. Eine einigermaßen historisch-textkritische Ausgabe z.B. der Winnetou-Tetralogie wäre mir freilich lieber gewesen - aber als Karl-May-Leser lernt man ja sich zu bescheiden.