Da sind sie wieder, die 5 Fratzen. Da vibrieren sie wieder, die Lautsprechermembranen. Da erschrecken sie sich wieder, die Kinder der Väter, die das Booklet der aktuellen Scheibe "Deadache" erwartungsvoll gleich nach dem Gang zum Briefkasten schon am Mittagstisch durchblättern.
Man ahnt es - sie sind ihrer Linie treu geblieben. Und sie haben das Kunststück vollbracht, die neue CD trotzdem nicht als Fortsetzung oder gar Stückwerk aus übriggebliebenen Liedern der (aus meiner Sicht) alles überragenden Vorgängerplatte "Arockalypse" klingen zu lassen.
Natürlich geht es in den Texten noch immer durchweg um Grusel, Monster, Schrecken, Angst und ein wenig Splatter - die dunkle Seite eben.
Und natürlich hat sich auch am musikalischen Generalkonzept der Band nicht wirklich viel geändert. Noch immer praktizieren die 5 Nordländer Classic Hard Rock in der reinsten, klassischsten und aus meiner Sicht besten Form. Riffs, die eine Kettensäge nicht sägender erzeugen könnte, melodiöse Synthesizer Begleitung, hymnenhafter Aufbau der Stücke, eingängige Melodien, gurgelnd tiefer Gesang, der aber zu keiner Zeit nervt oder langweilt.
Lordi hält sich so klar und strikt an branchenübliche Pfade, dass man als Anhänger der Rockfraktion einige der Melodien und viele der Refrains schon während des ersten Hörens mitsummen kann.
Trotzdem wird es aus meiner Sicht im Gegensatz zur oben stehenden Amazon-Rezension zu keiner Zeit langweilig, im Gegenteil. Wie schon angemerkt, wird die neue CD umgehend als eigenständig und "neu" angenommen. Kunststück - mit Nino Laurenne wurde ein neuer Produzent engagiert.
Weiterhin fehlen meines Wissens nach dieses mal Gastmusiker.
Und so rocken sich die Finnen durch die gesamte CD. Begonnen wird wie üblich mit einem Intro, das dieses mal aufgrund seiner Kürze und seines Inhalts nicht wie bei "Arockalypse" nach dem dritten Hören der CD konsequent überskippt werden muss. Nach ein paar Titeln gibts ein kurzes Durchatmen in Form eines zweiminütigen Einspielers ohne Gesang. Abbuzze, Matte richten, und weiter geht der Ritt durch Hymnen und über Riffs.
Ein klein wenig geht nach den ersten 10 Liedern der Druck runter, es wird etwas "leichter", die Dampflock fährt nicht mehr unter Volllast.
Abgeschlossen wird dann nochmal mit einem Mid-Tempo Highlight in bester Kiss-Manier (Missing Miss Charlene). Dann verlangen die Ohren nach Luft unter dem den Kindern zuliebe aufgesetzten, geschlossenen Kopfhörer. Nach dem Absetzen wirkt alles kühl, fern, so anders. Man ist fast geneigt, sich erstmal zum Abkühlen 5 Minuten aufs Sofa zu setzen und durchzuatmen. Dann aber bloß nicht den Fehler machen und gleich das Radio einschalten. Dem geneigten Rockfan droht der absolute Kulturschock :-)
Ich kann nicht genau sagen, warum zumindest mir "Deadache", wie auch schon "Arockalypse" nicht nach dem fünften Hören langweilig wird. Denn eigentlich ist derartige Musik dafür prädestiniert, durch das Beschreiten der immergleichen Wege schnell eintönig zu klingen und satt zu machen. So ging es mir u.a. auch ein wenig mit dem neuen ACDC-Album.
Was aber nun Lordi für eine Geheimzutat hiergegen im Regal haben, das wüssten sicher auch gerne andere Künstler dieser Sparte, wie z.B. Axel Rudi Pell, Rolf Kasparek oder auch die eine oder andere, nicht namentlich zu nennende Alternativ Rock Band aus Übersee.
Vielleicht liegt es aber auch einfach nur daran, dass Lordi nun wirklich zu 100% meinen persönlichen Rockgeschmack treffen, während der nächste Rocker mit leicht anderen Vorlieben die CD nach dem zweiten Durchlauf erst wieder eine Woche in die Schublade legt.
Wie auch immer: Lordi beschreitet mit "Deadache" altbekannte Pfade, ohne dabei aber in die identischen Fußspuren des letzten Marsches zu treten.
Deadache klingt in den Powerstücken wie auch in den balladenähnlichen Teilen klassisch, rockig, sägend, stampfend.
Wem Arockalypse gefallen hat und wer das Hören schon dort nicht müde wurde, der legt auch "Deadache" so schnell nicht wieder aus der Hand.
Für beide Alben gilt: Wer Innovatives, Abwechslung, moderne neue Wege der Rockmusik sucht, der liegt hier falsch.
Wer aber bei Kiss oder Accept lauter dreht, wer auf melodiösen Hardrock in Reinkultur steht, der immer besser klingt, je lauter man ihn hört, für den ist die neue Lordi CD eigentlich ein Muss.
Top: Manskin Boots, Bite it like a Bulldog, Missing Miss Charlene, Evilyn
Naja: The ghosts of Heceta Head