Aus der Amazon.de-Redaktion
Dead Man Walking beginnt mit einer brutalen Vergewaltigungs- und Mordszene und endet mit einer stummen Passage, in der nur das Klicken des Apparates zu hören ist, der die Flüssigkeit dosiert, die einen zum Tode verurteilten Menschen töten soll. Daraufhin stimmt Susan Graham das Spiritual "He will Gather Us Around" an! Diese leidenschaftlichen Szenen umrahmen diese Rarität, eine zeitgenössische Oper, die sich mit einem wichtigen Thema -- der Todesstrafe -- beschäftigt und dies ausgewogen und mit Einfühlungsvermögen tut, aber hierbei dennoch die dramatische Spannung erhält und die Erzählung mit musikalischem Gespür vermittelt. Es verwundert einen daher nicht, dass diese Oper einen solchen Erfolg hat. Sie basiert auf dem Buch von Schwester Helen Prejean und dem nach dieser Vorlage entstandenen erfolgreichen Film von Tim Robbins über eine Nonne, die mit einem verurteilten Mann Freundschaft schließt und ihm die erlösende Kraft seines Verhaltens bewusst macht. Die Aufnahme entstand während der Premiere der Oper in San Francisco. Sie besitzt neben der überwältigenden Aussagekraft der Geschichte und der Musik die Intensität einer Live-Aufführung. Man kann sich kaum eine bessere Interpretation vorstellen.
Susan Graham spielt die Rolle der Schwester Helen perfekt, sie singt mit reiner, klarer Stimme und mit feuriger Leidenschaft. Sie wirkt aber auch fröhlich in den humorvollen Szenen, die diese Geschichte auflockern, die ansonsten für dieses Medium unerträglich würde. Frederica von Stade in der Rolle der Mutter des Mörders ist ebenso gut, und der Bariton John Packard als Verurteilter ist ein echter Glücksfall -- ein singender Schauspieler, der immer restlos überzeugend wirkt, sei es in der Rolle des knallharten Killers oder später als reumütiger Mensch, der schließlich die Verantwortung für seine Taten übernimmt. Die Besetzung der Nebenrollen ist ebenfalls hervorragend, und Patrick Summers dirigiert unbeirrt mit Schwung und Leidenschaft. Jake Heggies Partitur mag es zwar an Arien fehlen, die man mitsummen kann (ganz im Gegensatz zu den traditionellen Hymnen, die im gesamten Werk eine so bedeutende Rolle spielen), aber die Orchestrierung ist lebhaft, und die Gesangspassagen sind vortrefflich. Die Bandbreite ist enorm und rangiert nahtlos von moderner Romantik bis hin zu Stücken aus der Pop- und Rockmusik. Großen Anteil an dem Erfolg dieser Oper ist auch Terrence McNallys dramaturgisch gekonnt konzipiertem Libretto zuzuschreiben. Für alle Beteiligten ein wahrer Triumph. --Dan Davis