Rick Nadar folgt seiner schwangeren Freundin Rachel auf eine Reise. Unterwegs ereignen sich merkwürdige Dinge. In der zweiten Nacht verschwindet Rachel aus einem Hotel, oberhalb der Stadt Idleton. Trotz der Warnungen des Hotelbesitzers vor der „Brut der Bestie“ begibt Rick sich in die Stadt, die stickig und von gelbem Schleim überzogen ist und deren Technik nicht mehr funktioniert. Die Straßen zwischen den Hochhäusern sind leer, außer dass Jugendgangs unterwegs sind, die Männer überfallen und ihnen Hände und Füße rauben. Rick kann ihnen entkommen und befindet sich doch gnadenlos auf dem Weg „nach unten“ in die unterirdische Welt von Idleton, wo das Böse geweckt wurde und nach Opfern verlangt.
„Dea Mortis“ ist bis zuletzt extrem spannend. Aber Gößling wäre nicht Gößling, wenn er hier nur eine geradlinige Horrorgeschichte erzählt hätte. Er erzählt ausschließlich aus der Sicht von Rick, assoziativ. Und tatsächlich ereignen sich die Dinge mehr nach einer Traumlogik als nach den Regeln der so genannten Wirklichkeit. Rick wird durch diese klaustrophobische Idleton-Welt getrieben, von der er nichts versteht, aber auch seine inneren Geschehnisse sind ihm verschlossen. So steigen assoziativ und gegen seinen Willen Kindheitserinnerungen in ihm auf. Alles hängt, wie mehrmals erwähnt, mit allem zusammen: Nicht zufällig erinnert Rick sich an einen Film über Pilze, die oberirdisch einzeln auftreten, unterirdisch aber über riesige Flächen miteinander verflochten sind.
In Idleton begegnet Rick Menschen, die ihm selber oder Menschen aus seiner Vergangenheit ähnlich sehen. Einmal glaubt er auf seinen Doppelgänger zu treffen, dann wieder entpuppt sich jemand als sein „Spiegel“-Ich in dieser „Märchenstadt“, und es taucht sogar ein Film auf, der die Geschichte von Rick Nadar erzählt. Rick wird wütend, und weiß nicht warum. Er ist nicht nur der unerklärlichen Außenwelt, sondern genauso seiner Innenwelt hilflos ausgeliefert. Kann der Leser einem solchen Protagonisten trauen?
So wenig wie dem Autor Gößling. Der hat die Handlung nach Amerika verlegt, Mitte 20. Jahrhundert. Rick kommt aus New Providence und endet in Idleton. Das klingt plausibel, aber Vorsicht bei den Namen: „idle“ = müßig / „idol“ – Götze / „I-doll“ – Ich-Marionette. Was ist mit anderen Namen? Offensichtlich beziehen sich Sig Freudenthal und Gus Youngblood auf die Psychologen Sigmund Freud und C.G. Jung. Deren Widersacher ist der „Mythologe“ Dr. Loveham, der für Lovecraft stehen könnte. Auf der Ebene der erzählten Personen spiegelt sich also die Frage wider, ob wir hier Ricks Wahnvorstellungen oder das Auftauchen einer uralten bösen Wesenheit aus dem Kosmos erzählt bekommen. Und wer ist überhaupt Rick Nadar? Rick schlüpft in die Hose des ermordeten (Hend)Rik, begegnet später Dick Radar, erkennt sich in „Joey“, den er sich als Junge doch wohl nur eingebildet hat. Sind alle Figuren Facetten von Ricks Ich?
In den Romanen von Andreas Gößling kann man Geschichten auf mehreren Ebenen lesen. Ricks Untergang in Idleton ist eine unglaublich spannende Story, aber ebenso lässt sich diese Geschichte als ein übler Traum lesen oder als dramatischer Zusammenbruch einer Psyche. „Dea Mortis“ ist beides: atemberaubende Spannung und zugleich intelligenter Lesegenuss, umso mehr, wenn man den Roman aufmerksam liest. Sehr zu empfehlen.