Die vorhandenen Rezensionen sind nicht unbedingt informativ und entsprechen leider auch nicht unbedingt der Realität. Eine ist auf den zweiten Klick sofort als reiner "Lob-und-Hudel-Rezensent" erkennbar (also ein besserer Klappentext - oder ein schlechterer, je nachdem). Daher mache ich mir die Arbeit, hier kurz ein paar Gedanken zur Lesung zu Tastatur zu bringen.
Ich bin der Stoa als Allgemeinen und Seneca im Speziellen mehr als nur wohlwollend gesonnen. Dass nur zwei Sterne vergeben werden konnten, liegt also nicht an Seneca: Der Text und die Reflexionen sowie die Releanz für unser Leben heute verdient jederzeit fünf Punkte!
Die Lesung ist leider in zweifacher Hinsicht nicht gut, fast gar nicht gut (also genau zwei Punkte wert). Einerseits ist die Übersetzung nicht aufgrund ihrer Qualität ausgewählt worden: Sondern offenkundig schlicht nur (!) deshalb, weil der Übersetzer (Albert Forbinger, 1867) bereits mehr als 70 Jahre tot ist - und daher die Übersetzung nicht mehr dem Urheberrecht unterliegt. Ohne Lizenz-Abgaben zahlen zu müssen, kann sich deshalb jeder Verlag und jeder Vorleser daran vergreifen. Eben dies geschah hier. Eine sensible Neu-Übersetzung kann aber einen wichtigen Text der Philosophie-Geschichte enorm mit Leben erfüllen, wie dies z.B. das Beispiel der Essais von Montaigne beweist. Aber eine Übersetzung aus dem 19. Jahrhundert ist halt billiger, nicht preiswerter, nur billiger.
Dass man die altertümelnde Übersetzung aber auch noch zu Schanden lesen kann, zeigt Andreas Dietrich deutlicher als man dies jemals wissen wollte! Er liest diesen Text im Duktus eines Schmieren-Komödianten, der vor Jahrzehnten (z.B. in den 50er Jahren) bereits aus der Mode war. Dies mischt er noch mit dem Versuch eines Oberlehrer-Tonfalles aus dem 19. Jahrhunderts. Man weiß nicht so recht, ob dies nicht schon wieder unfreiwillig komisch ist.
Obwohl sich nach einigen Minuten leichte Gewöhnungs-Effekte hinsichtlich des völlig unfähigen Vorlesers zeigen, wird der Genuss (und damit der philosophische Gewinn) durch den Text schon arg geschmälert. Empfehlenswert ist dies auf keinen Fall. Der einzige Trost ist, dass unsereiner leider tatsächlich zu wenig Zeit hat, um in Ruhe das Reclam-Heft zu lesen - und daher etwa beim Autofahren wenigsten teilweise in den Text findet.
Fazit: Seneca jederzeit, aber Vorleser Andreas Dietrich niemals!