Richard Dawkins ist einer der einflussreichsten und wortgewaltigsten Intellektuellen unserer Zeit. In seinen zahlreichen für ein Laienpublikum geschriebenen Veröffentlichungen erklärt und verteidigt er die Evolutionslehre und polemisiert gleichzeitig heftig gegen die Erklärungsmodelle der Weltreligionen. Befürworter und Gegner nennen ihn ehrfürchtig "Darwins’ Rottweiler".
30 Jahre nach Erscheinen von Dawkins erster Darstellung "The selfish gene", in welcher er zum ersten Mal die These vertritt, dass die Entstehung der Welt und des Menschen eindeutig durch die Evolutionslehre erklärt werden kann und Religionen somit überflüssig seien, liegt nun erstmals eine Gegendarstellung in Buchform vor.
Alister McGrath scheint wie geschaffen für diese Aufgabe. Er ist Theologieprofessor an der Universität von Oxford und gleichzeitig promovierter Biophysiker. In seiner Einführung verspricht McGrath, dass sein Buch keine der üblichen religiös-fundamentalistischen Verdammungen von Richard Dawkins sei (10).
In der Tat wirkt "Dawkins’God" zu Beginn höchst seriös. Das erste Kapitel "The Selfish Gene: A Darwinian View of the World" ist eine sachliche Zusammenfassung von Darwins Evolutionslehre, gespickt mit einigen graphischen Darstellungen über Aufbau sowie Funktionsweise von Chromosomen und DNA. Alles höchst wissenschaftlich also.
Doch die ersten 50 Seiten dienen nur dazu den Leser einzulullen und die wahre Zielsetzung der Darstellung zu verharmlosen. Alister McGrath ist nichts anderes als ein Vertreter der Kreationisten, die mit der Pseudo-Wissenschaft mit der Bezeichnung "Intelligent Design" versuchen die Evolutionslehre durch den Genesismythos zu ersetzen versuchen.
Es beginnt mit der Behauptung, dass "[t]he scientific method […] incapable of delivering a decisive adjustification of the God question" (53) sei. McGrath wirft der seriösen Wissenschaft also vor, dass sie ja nicht eindeutig beweisen könne, dass es Gott nicht gebe. Das ist schon sehr gerissen. Natürlich kann keiner beweisen, dass das Universum NICHT von Gott geschaffen wurde. Ebenso wenig wie zu beweisen ist, dass das Universum von einem rosaroten Elefanten namens Benjamin Blümchen erschaffen wurde. Dennoch wird dies ernsthaft von keinem Menschen bezweifelt. Der gesunde Menschenstand verbietet dies.
40 Seiten später wird McGrath noch deutlicher: "So what’s the problem with God, exactly? Why should God require an explaination at all? He might just be an "ultimate" […] one of those things we have to accept as given" (94).
Ich kann ihm sagen was das Problem ist. Es erscheint mir geradezu grotesk eine Lehre zu bezweifeln, die seit 140 Jahren ein schlüssiges und wissenschaftlich fundiertes Erklärungsmodell für das Rätsel der menschlichen Existenz liefert und im selben Atemzug dazu aufzufordern einen völlig willkürlichen und nicht zu beweisenden Mythos als "given" hinzunehmen.
Je weiter McGrath fortschreitet, desto abenteuerlicher wird seine Argumentation. So meint er Dawkins berühmt-berüchtigte Behauptung, dass Gott ein Virus sei, zu kontern, indem er eine Studie zitiert, dass Religion einen positiven Effekt auf 79% der gläubigen Menschen habe (136). Dies ist durchaus richtig und wurde auch nie von Dawkins in Frage gestellt. Es ist nachvollziehbar, dass Menschen mit einem simpel konstruierten Weltbild, einer klaren Vorstellung von Gut und Böse sowie der Gewissheit, dass sie nach ihrem Tod ins Paradiese kommen werden ausgeglichener und entspannter sind als zweifelnde Menschen. Wenn diese Ausgeglichenheit aber dazu führt, dass sich junge Menschen, ganz entspannt, in Busse setzen, um sich in die Luft zu setzen oder genauso entspannt Passagiermaschinen in Hochhäuser steuern muss man sich die Frage stellen ob es noch länger zu akzeptieren ist, dass eine mächtige aber falsche Illusion einen positiven Effekt auf die Angehörigen einer bestimmten Gruppe hat.
Am ehrlichsten formuliert McGrath seine Position wenn er im abschließenden Kapitel behauptet, dass "God endowed humanity with intelligence and reason both to investigate the world, and to discover God" (152). Die Welt sei also Gottes Schöpfung und der Wissenschaft kommt nur noch die Aufgabe zu, zu zeigen, wie schön und kompliziert Gottes Werk doch ist. Als Erklärungsmodell lehnt McGrath sie ab. Interessant ist, dass er den Begriff "design" vermeidet (McGrath verwendet lieber den Begriff den begriff "endow") um sich nicht ganz platt als Vertreter von "Intelligent Design" zu offenbaren.
Fazit: perfektes Beispiel dafür, wie christliche Fundamentalisten im pseudowissenschaftlichen Gewand versuchen, Evolution durch einen Schöpfungsmythos zu ersetzen.
Ich hoffe, dass es in naher Zukunft zu einem Rededuell zwischen Richard Dawkins und Alister McGrath kommen wird. Denn auf rein argumentativem Gebiet macht Darwins Rottweiler Hackfleisch aus Gottes Schoßhündchen.