Zum ersten Mal habe ich diesen Film 2004 auf dem Kinderfilmfest der Berlinale gesehen, wo er als Eröffnungsfilm gezeigt wurde. Ich begreife nicht, warum dieser außergewöhnliche Film nicht bekannt geworden ist und bin froh, entdeckt zu haben, dass es ihn auf DVD gibt.
"Davids wundersame Welt" (Wonderous Oblivion) spielt zu Beginn der 1960iger Jahre in einem kleinbürgerlichen Viertel in London. David Wiseman (11 Jahre) ist ein absoluter Kricketfan. Er sammelt Starbilder von Kricketspielern. Ganze Nachmittage verbringt er mit Mannschaftsaufstellungen und möglichen Spielverläufen. Sein großer Traum ist es, in der Schulmannschaft mitzuspielen. Ihm bleibt nur der Platz an der Anzeigentafel, denn in der Kricketpraxis ist er eine Niete.
Im Nachbarhaus zieht eine schwarze Familie aus Jamaika ein, die im Minigarten - ein Bruch mit den ungeschriebenen Gesetzen des Viertels- die Rosenstauden ausbuddelt und ein Kricketnetz aufspannt. Und nicht nur das: Sie sind absolute Profis. Davids Eltern sind jüdische Emigranten aus Nazi-Deutschland. Sie gehören im Viertel nicht dazu und werden von den Nachbarn aufgefordert sich "wie gute Engländer zu benehmen", was in diesem Fall heißt, Abstand zu den neuen Nachbarn zu halten. Die Anweisungen des Vaters sind klar: "Du grüßt sie. Wenn du gefragt wirst, antwortest du. Wir haben nichts gegen sie, aber wir verkehren nicht mit ihnen. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?"
David nickt, aber das Interesse an den Neuankömmlingen und am Kricket ist größer. Eine Freundschaft mit der etwa gleichaltrigen Judy entsteht, die weit über das gemeinsame sportliche Interesse hinausgeht. Sie hat vorher bei der Großmutter in Jamaika gelebt und erfährt in der Schule als schwarzes Kind massive Ablehnung. Auch die Familien freunden sich an, bis es am 12. Geburtstag von David zum Bruch kommt. David hat enorme Fortschritte durch das gemeinsame Kricket-Training gemacht. Er wird inzwischen sogar bei überregionalen Spielen aufgestellt und hat bei den Sportkameraden Freunde gefunden, die er zum Geburtstag einlädt. Judy, die mit einem Geburtstagsgeschenk an der Tür klingelt, wird von ihm nicht hereingelassen sondern nach Hause geschickt... Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.
Paul Morrison ist es gelungen, in diesem Film die Geschichte zweier Kinder zu erzählen, die unterschiedlichen Minderheiten angehören - und das in einer Zeit, wo Großbritannien noch keine multikulturelle Gesellschaft war und denen, die nicht zur alteingesessenen Bevölkerung gehörten, massive Vorurteile entgegenschlugen. Die Besetzung der Rollen ist hervorragend und besonders bei den beiden Kindern in den Hauptrollen - darf man auf zukünftige Filme gespannt sein. Der Film steht in der Tradition sozialkritischer englischer Filme wie "East is East" oder "Billy Elliot - I will dance", und man sollte ihn keinesfalls verpassen, denn er ist noch besser.