Ende 1968 beschloss Joan Baez ein Album für ihren damaligen Ehegatten David Harris, der wegen Wehrdienstverweigerung ins Gefängnis musste, mit seinen Lieblingssongs aufzunehmen. Dazu ging sie erneut nach Nashville und nahm mit ziemlich genau denselben Spitzenmusikern wie bei "Any Day Now" "David's Album" auf, das 1969 erschien und eine stilechte Countryplatte war.
An der Klasse der Arrangements gibt es nichts zu meckern, es klingt malerisch und stellenweise lieblich und im Abstand von 40 Jahren ist es einfach nur eine wunderschöne Platte. 1969 jedoch war es schon befremdlich, dass gerade Baez solche Countrystandards wie "Green, Green Grass of Home", "My Home's Across the Blue Ridge Mountains" oder "Will the Circle Be Unbroken" anstimmte, auch wenn sie es ihrem eingekerkerten Ehemann zu Liebe tat. Dass eine politisch so engagierte Künstlerin wie sie über die heile Welt des rechten Amerika singt war schon sehr überraschend.
Aber Joan Baez wäre nicht Joan Baez, wenn sie nicht auch ein paar Botschaften untergebracht hätte. So etwa mit dem ersten Song des Albums, "If I Knew", eine Hymne für den Frieden. Mit "Tramp on the Street" und "Poor Wayfaring Stranger", mit schöner Harmonie von ihrer Schweste Mimi Farina, brach sie eine Lanze für die Unterdrückten und Entrechteten. Sie griff auch Gram Parsons' "Hickory Wind" auf, das sie so ergreifend vortrug, dass man glaubte den sehnsuchtsvollen Wind durch die Bäume zu spüren. Das Beste des Albums ist das Gospelstück "Just a Closer Walk with Thee", a-capella beginnend, dann kommt eine herrliche Orgel bevor die Band einsetzt. Baez beschränkt sich bei diesem Material nicht auf Schönsingerei, sondern sie bringt immer wieder eine engagierte Schärfe ein, als ob sie bestimmte Botschaften vermitteln wolle. Es ist ein überraschender Zug in Baez' Karriere, aber nichtsdestotrotz eine wunderschöne Platte.
Als Bonus gibt es eine Live-Nummer und Tom Paxtons klassisches "The Last Thing on My Mind" mit countryfizierter Begleitung. Beide Stücke passen jedoch nicht zum Kontext des originalen Albums.
Beim Remastering musste offenbar der Bass restauriert werden - was immer das bedeutet. Die Originalbänder dürften beschädigt gewesen sein, denn die Klangqualität ist meines Erachtens nicht optimal. Wem's möglich ist, der sollte auf die Originalscheibe von 1969 zurückgreifen. Aber trotzdem, der komplette Vanguard-Katalog sollte eigentlich in keiner guten Baez-Sammlung fehlen.
Die Covergestaltung stammt übrigens von Baez selbst.