Oft frage ich mich bei Filmkritikern, woher sie das Recht nehmen, vollkommen abstruse Behauptungen über Filme und deren Intention in die Welt zu setzen. Gerog Seeßlen treibt diese Vorgehensweise mit seinem Buch "David Lynch und seine Filme" vollkommen auf die Spitze. Seine Analysemonster wirken konstruiert, nicht nachvollziehbar und erwecken zudem auch gar nicht den Eindruck der Bemühung um Nachvollziehbarkeit. Seeßlen schreibt über den Vorspann von Twin Peaks: "Wenn in der Bildfolge des Beginns die verwunschene Landschaft von Twin Peaks tatsächlich einen weiblichen Körper beschreibt, so wird der Vorgang, den wir in gerade acht Einstellungen erlebt haben, nichts anderes sein können als die Geschichte von einer Zeugung und Geburt. Aber am Ende des Geburtsvorgangs steht nichts anderes als der Tod." [Seite 8-9] Weiblicher Körper? Zeugung und Geburt? Tod? Seeßlens Buch steckt voller solch abgehobener Behauptungen, die nicht ansatzweise erläutert werden. Georg Seeßlen meint es, also meint er auch, es ist so.
Störend ist zudem, dass Seeßlen sich nicht damit begnügt, die Filme und Arbeiten Lynchs einzeln zu analysieren, sondern sie alle in einen großen Gesamtkontext stellen muss, in dessen Zentrum der von Seeßlen kreierte "nicht zu Ende geborene Mann" steht, ein weiterer, unbegründeter Analyseauswuchs. Lynch greift sicherlich immer wieder auf gewisse Motive zurück, zitiert sich selbst, deshalb seine Filme aber als unbedingte, logische Konsequenz auseinander zu betrachten, wirkt doch arg konstruiert.
Leider enthält das Buch nur wenig Informationen über die Person David Lynch, die mich interessiert hätten. Der Buchtitel hätte impliziert, dass es sowohl um David Lynch als auch um seine Filme geht.
Für die Serie "Twin Peaks" und den Film "Blue Velvet" bietet Seeßlen allerdings streckenweise zumindest interessante Deutungsideen an, wenn er gerade mal nicht in die Gigantomanie seiner "Gesamtdeutung" verfällt. Das nachträglich eingefügte Kapitel über "Mulholland Drive" wirkt sogar erstaunlich unverkrampft im Vergleich zum Rest des Buches, hier versucht der Autor nicht, dem Film krampfhaft eine Deutung aufzuzwängen, sondern geht nur ein paar Variationen durch, was Sinn macht.
Über das geniale Werk von David Lynch wird es die "letzte Wahrheit" wohl nie geben, ich gebe auch nicht vor, mehr zu wissen als Seeßlen. Nur halte ich es für absurd, an Filme, denen Seeßlen selbst sogar ihre Außergewöhnlichkeit attestiert, mit den üblichen Methoden der Filmanalyse heranzutreten. So wie Lynchs Filme die reine Narration durchbrechen, entziehen sie sich auch der reinen Psychologie. Lynch wäre nicht Lynch, wenn es anders wäre.