Was der Autor höchstpersönlich von seinem Werk hält, tut er der Leserschaft in seiner Einleitung zu „David Copperfield“ kund: „Of all my books, I like this the best.“
Es ist nicht möglich an dieser Stelle den Plot dieses Romans (einem von Dickens längsten) darzustellen. Repräsentativ sei daher einer der Charaktere in „David Copperfield“ hier etwas näher beleuchtet: Uriah Heep. Er ist kurz gesagt einer der bösesten, hinterhältigsten, machtgierigsten und integrantesten Persönlichkeiten in der englischen Literaturgeschichte, wohl noch am ehesten vergleichbar mit Shakespeares Richard III sowie Iago aus Othello. Er tut Böses, weil er es kann. Er spinnt Intrigen und zerstört das Leben seiner Mitmenschen aus purer Lust an der Macht: „Villany is the matter; baseness is the matter; deception, fraud, conspiracy are the matter; and the name of the whole atrocious mass is – HEEP!“ (Kapitel 49)
Des öfteren wird Uriah dargestellt wie der Leibhaftige persönlich: “I’ll put my hand in no man’s hand […] until I have – blown to fragments – the – a – detestable – serpent – HEEP!“ (Kapitel 49) oder „he reminded me of an ugly and rebellious genie watching a good spirit.“ (Kapitel 52)
Schon die einleitende Beschreibung von Uriah Heep, welche wohl zu den besten Charakterisierungen überhaupt in der Literaturgeschichte gehört, schafft eine düstere Aura des Unheimlichen und des Bösen:
„I saw a cadaverous face appear at a small window on the ground floor […] and quickly disappear […]. It belonged to a red-haired person – a youth of fifteen […], but looking much older – whose hair was cropped as close as the closest stubble; who had hardly any eyebrows, and no eyelashes, and eyes of a red-brown, so unsheltered abd unshaded, that I remember wondering how he went to sleep. He was high-shouldered and bony, dressed in decent black, with a white wisp of a neckcloth [...] and a long, lank skeleton hand.” (Kapitel 15)
“David Copperfield” hat eine Menge solcher außergewöhnlicher Charaktere zu bieten. Doch hat der Roman auch, vor allem gegen Ende hin, seine Schwächen. Übt der Erzähler zu Beginn der Geschichte noch deutlich Kritik an den Zuständen im viktorianischen England, bestätigt er gegen Ende wieder voll und ganz das damals dominierende rigide Wertesystem. Für den heutigen Leser wird auf den letzten Seiten die Schmerzgrenze dabei mehr als einmal überschritten.
Dennoch: ein spannender, lustiger, mitreißender und nicht zuletzt auch gut lesbarer Roman. Man sollte sich auch nicht von den gut 1000 Seiten abschrecken lassen, denn „David Copperfield“ ist kurzweiliger als manch anderes Buch von Dickens. Of all his books, I like this the best!