Ich möchte in dieser Rezension, weil es mir so interessant erscheint, hauptsächlich die beiden Versionen miteinander vergleichen und damit auch gleich begründen, warum mein persönlicher Favorit die BBC-Variante bleibt. Beide Filme haben als eigenständige Werke natürlich auch ihren Reiz ohne den mitunter lästigen Verweis auf das jeweilige Pendant; aber bei zwei fast zeitgleich entstandenen Verfilmungen bietet sich doch ein Blick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede an. Mancher wird sich für seine Nummer 1 schon (voreilig?) bei einem Blick auf die Besetzungsliste entscheiden: Die BBC-Version quillt geradezu über vor kampferprobtem britischem Schauspielpersonal: Maggie Smith, Bob Hoskins, Emilia Fox, Daniel Radcliffe, Imelda Staunton, Ian McKellen, Zoe Wanamaker et cetera. Gerade im Vergleich fällt auf, dass alle ihre Figuren sehr, hm, herzig und in einer geradezu bbc-typischen Weise warmherzig komisch anlegen. Und selbst die böse(re)n Charaktere wirken in einer gewissen Art gefälliger dadurch, dass sie entweder zu etwas grotesken Überzeichnungen gerinnen, relativ unkompliziert aus der Handlung geschoben werden oder sich ansatzweise rehabilitieren dürfen. Der hier vorliegende Film handhabt das etwas anders: Zunächst werden entscheidende Figuren durchaus ambivalenter bzw. kantiger gezeichnet; so erlaubt sich der ältere David Copperfield viel mehr Emotionen und erinnert sich mitunter geradezu schmerzhaft körperlich an die Misshandlungen durch seinen Stiefvater Murdstone. Dazu trägt auch der Kunstgriff bei, in diesem Fall die Geschichte nicht linear zu erzählen, sondern als Ausgangsposition den älteren David zu wählen, der nach einer heftigen Auseinandersetzung (deren Umstände dann erst einmal unklar bleiben) in seine Stube rauscht, um seine Lebensgeschichte niederzuschreiben. Zwischendurch wird er dann immer wieder eingeblendet. Dagegen erscheint der BBC-David im jungen Erwachsenenalter (eingedenk seiner doch zeitweise recht unschönen Jugend) wesentlich sorglos-gleichmütiger und ihm wird auch eine nochmalige Konfrontation mit Mr Murdstone erspart.
Hier liegt dann auch eine Besetzung verborgen, an der sich die Geister scheiden: In der BBC-Version gibt Ciaran McMenamin den erwachsenen David mitunter geradezu maskenhaft freundlich, wohltemperiert, wenig intensiv. Hugh Dancy holt hier sicher mehr aus der Figur heraus, zeigt innere Konflikte auf, erlaubt sich emotionale Ausbrüche und bindet insgesamt seine Figur mehr an ihre ganze Vorgeschichte zurück. Allerdings - mein persönlicher Kritikpunkt - gibt er den David für meinen Geschmack etwas zu sehr als jungen Stürmer und Dränger und wirkt dabei in der Darstellung fast schon ein wenig selbstgefällig. Letztlich wird das aber - gerade im Vergleich zum braven McMenamin - Geschmackssache sein. Auch bei anderen Figuren tun sich deratige Diskrepanzen auf: Die BBC-Betsey Trotwood wird von Maggie Smith zum Niederknien interpretiert: ruppig, knorrig, eigenwillig und mit einem Herz aus Gold. Der Nicht-Engländerin Sally Field dabei zuzusehen, wie sie eine urenglische schrullig-vitale (und deutlich jüngere) Lady spielt (und sie muss ja doppelt "spielen"), ist manchmal doch aus etwas anderen Gründen amüsant: weil es mitunter recht theatralisch wirkt. Ich mag Sally Field sonst recht gern und auch in dieser Rolle hat sie ihre Momente; sie wirkt nur insgesamt ein wenig deplatziert.
Der interessanteste Unterschied in der Rolleninterpretation ergibt sich aber bei der Figur des Wilkins Micawber, den in der BBC-Version Bob Hoskins und hier Michael Richards darstellen. Auch hier könnte man sagen, Richards streicht die unangenehmeren und damit sperrigeren und vielleicht sogar der literarischen Vorlage gerechteren Züge der Figur deutlich mehr heraus. Hoskins' Micawber ist bei aller pekuniären Unzuverlässigkeit in der Hauptsache ein liebenswert schelmischer Freund, Richards legt mehr Wert auf die groteske und egoistische Seite des Charakters. Die Grundtendenz dieser Verfilmung, Figuren eine dramatische Tiefe zu verleihen, zieht sich durch; wo die BBC vornehm und kinderfreundlich bleibt, geht es hier insgesamt etwas schmutziger und rauer zu. Dabei, das soll nicht unterschlagen werden, tummelt sich auch hier auf der Darstellerbank ein illustres Völkchen: Neben der bereits erwähnten Sally Field und Hugh Dancy wären da Eileen Atkins ("Gosford Park") als ziemlich böse Jane Murdstone (Zoe Wanamakers BBC-Miss M. ist im Grunde wenig mehr als Staffage), Paul Bettany ("Sakrileg") als Steerforth und Lesley Manville ("North & South") als Mrs Micawber (auch hier der Unterschied: sie transportiert die Sorgen und Nöte, welche die Schwierigkeiten ihres Mannes mit sich bringen, in durchaus realistischer Weise, während Imelda Staunton (BBC) die Figur als eine Art wandelnden Running Gag gibt). Es soll aber insgesamt nicht der Eindruck enstehen, als nähme die BBC-Version ihre Figuren weitaus weniger ernst. Sie betont sie nur anders und, zugegeben und bereits erwähnt, gefälliger. Das klingt wie ein Punkt auf der Contra-Seite, und so komme ich zum Schluss: Mir gefällt die BBC-Version trotzdem besser. Warum?
Nun, zunächst sind die Charaktere deutlich liebenswerter und zwar teilweise komödiantisch, aber nichtsdestotrotz hervorragend gespielt. Die vorliegende Version entfremdet für meinen Geschmack ihre Figuren dem Zuschauer etwas, indem sie sie mit recht eigenwilligen Attributen ausstattet. Kurz: Das Herz, dass bei der BBC teilweise so übervoll pumpert, fehlt hier etwas. Geschmackssache wird das Ganze letztendlich bleiben; sehenswert sind auf jeden Fall beide Filme.