Neue Zürcher Zeitung
Prostitution aus eiskalter Distanz
mc. Die bengalische Autorin Mahasweta Devi, die grosse alte Dame der «radical fiction», der harten Prosa der Realität, ist in Frankreich und im amerikanisch-britischen Sprachraum ein Begriff. Hierzulande jedoch ist sie nur wenigen bekannt, und diese finden sich auch eher in der Szene der sozial Enragierten denn unter Literaten. Sozial engagiert und literarisch versiert sind die Mitglieder der Heidelberger Südasiengruppe, die nach «Pterodactylus» jetzt einen zweiten Roman der indischen Autorin, «Daulati», wiederum mit einem feinen Gespür für Zwischentöne aus dem Bengalischen übersetzt haben. In einer Mischung aus Prosa und lyrischen Passagen, aus Dialog und Kommentar erzählt die Autorin von der ungeheuren Brutalität, mit der Angehörige der höheren Kasten im Gliedstaat Bihar mit den Kâmiyâs umgehen, den Ärmsten der Armen, die hoffnungslos verschuldet in einem Sumpf der Unwissenheit dahinvegetieren. Am Beispiel eines jungen Mädchens, Daulati, wird, mal in Zeitlupe, mal im Zeitraffer, die Geschichte der Prostitution, zum Teil aus der Perspektive des verkauften Mädchens, über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren erzählt. Es ist erstaunlich, mit welch kargen erzählerischen Mitteln die Autorin, mitfühlend und mitleidend, zugleich aber aus eiskalter Distanz und ohne moralischen Zeigefinger eine Atmosphäre des inneren Grauens schafft.
Kurzbeschreibung
Die Erfahrungen dr Nagesiya-Stammesangehörigen Benno, Ganori und dessen Tochter Daulati machen das zentrale Thema dieses Romans anschaulich: das System dr Schuldknechtschaft oder abhängigen Armut im ländlichen Indien.
Besonders eindringlich beschreibt die Autorin das Schicksal des Mädchens Daulati, das ahnungslos entführt und dazu gezwungen wird, eine Geldschuld ihres Vaters durch Prostitution abzuarbeiten