Das Christentum und die christliche Kirche wie wir sie heute kennen sind nicht vom Himmel gefallen, sondern vielmehr Produkte einer 2000jährigen Entwicklungsgeschichte, die immer nur von Menschen mit allen ihren Vorzügen und Schwächen geprägt wurde. Die sogenannte "Erbsünde" und Unvollkommenheit menschlichen Handelns zieht sich wie ein roter Faden vor allem durch die Kirchengeschichte. Eine Kenntnis dieser Geschichte erklärt vielerlei, was wir in der Gegenwart vorfinden. Vor diesem Hintergrund verliert vieles, was als unabänderlich oder gar als "gottgewollt" präsentiert wird seinen absoluten Anspruch. Als Beispiele hierfür sind ganz besonders das Ringen um die "richtigen" theologischen Definitionen und die kirchliche Jurisdiktion zu nennen. Beides zusammengenommen führte einerseits zu unendlichem Leid, lässt andererseits aber auch darauf hoffen, dass etwas, das einmal anders war in Zukunft nicht so bleiben muss, wie es derzeit ist....
Die bereits im Jahre 2007 erschienene Chronoik des studierten Theologen und Historikers Dr. Gerhart Hartmann beginnt nach einem kurzen Vorwort und einem Abkürzungsverzeichnis mit den Jahren 7 - 4 v. Chr., in denen Jesus wahrscheinlich in Nazareth (!) geboren wurde. Über den von König Herodes dem Großen veranlassten "Kindermord von Bethlehem" (Mt. 2,16-18) ist hier nichts zu lesen, da er niemals stattfand. Die Jahrhunderte der Christenverfolgungen werden durch das Mailänder Toleranzedikt Kaiser Konstantins im Jahre 313 beendet. Mit dem ersten Konzil von Nicäa (325) wird Konstantins Postulat "ein Kaiser, ein Reich und eine Religion" mit der Festlegung auf die "Wesensgleichheit Jesu und Gottes zum Dogma, das Andersgläubige zu Herätikern erklärt. In seinem Schreiben an Kaiser Anastasio I. formuliert Gelasius erstmals die "Zwei-Schwerter-Theorie", wonach die Welt durch die päpstliche und kaiserliche Gewalt regiert wird,letztere der ersten jedoch untergeordnet ist. Die wichtigste nächste Station ist die "Pippinische Schenkung" und die gefälschte "Konstantinische Schenkung" im Jahr 753. Nachdem 1091 auf der Synode von Benevent erstmals der Ritus des Aschenkreuzes zu Beginn der Fastenzeit vollzogen wurde, werden am 05.07.1099 als Höhepunkt einer "bewaffneten Pilgerfahrt" 70.000 Moslems und Juden bei der Eroberung Jerusalems von "Christi Streitern" massakiert. Nach Jahrhunderten der Kreuzzüge, "Ketzer- und Hexenverfolgung" durch das "Heilige Offizium" Inquisition, Kolonisation, Reformation und Gegenreformation verliert der Vatikan endgültig seine militärische und politische Macht, dem Papst Pius am 18.07.1870 mit seinem "Unfehlbarkeitsdogma" entgegenzuwirken versucht.
Subjektiv ist vor allem der Eintrag zum Jahr 1936, wonach es im seit Juli tobenden spanischen Bürgerkrieg zu Gräueltaten und Massenmorden an Gläubigen, Priestern und Bischöfen seitens der "linken" Republikaner. Kein Wort vom Pakt des spansichen Klerus mit den Falangisten. Wie timediver® im April 2010 feststellen konnte, ist der Degen des Putschisten und Diktators Francisco Franco Bahamonde "Caudillo de España" (1892 - 1975) noch im Tesoro der Kathedrale von Toledo ausgestellt. Als wichtigste Aktion von Pius XII. wird die von ihm 1943 veröffentlichte "Mystici Corporis", in der die Kirche mit dem mystischen Leib Christi verglichen wird, hervorgehoben. Jedoch kein einziges Wort zu seinem Schweigen gegenüber den NS-Verbrechen. Die Umbenennung der "Congregatio Romanae et universalis Inquisitionis" in "Congregatio pro doctrina fidei" (1967) wird zwar erwähnt, aber die Tatsache, dass Benedikt XVI. bis zu seiner Wahl am 19.04.2005 als Kardinal Joseph Alois Ratzinger das Amt ihres Präfekten bekleidet hatte, sucht man vergeblich....
....auf Seite 172 endet die Chronik mit einem hoffnungsvollen Eintrag zum 29. April 2007, an dem sich die katholische Kirche und die Evangelische Deutschlands, sowie zwei weitere protestantische, orthodoxe und altorientalische Kirchen sich auf die gegenseitige Anerkennnung der Taufe verständigten.
Der Autor nennt sämtliche Päpste, zumindest im Jahr ihrer Wahl und die wichtigstens Ordensgemeinschaften und ihre Gründer. Zahlreiche schwarzweisse Abbildungen lockern die Texte auf. Querverweise verbessern den Gebrauch. den Abschluss des Bandes bilden eine Übersicht über die "Bistumsorganisation des deutschsprachigen Raumes und seines Einflussgebeites in den wichtigsten Epochen", eine Liste weiterführender Literatur für Leser, die tiefer in die Kirchengeschichte, bzw. die Geschichte des Christentums einsteigen möchten. Ein Sachregister ermöglicht die thematische Suche.
Dr. Gerhart Hartmanns erhebt in seinem Vorwort keinen Anspruch auf die Vollständigkeit der Daten und Fakten. Er weist vielmehr daraufhin, dass seine Chronologie nur einen Überblick geben kann. Für die manchmal festzustellende Subjektivität bei der Faktenauswahl wird - trotz des Schnäppchenpreises - ein Amazonstern abgezogen.