Gründe, zynische Aussagen sozusagen im Vorrat zu speichern, gibt es genügend. Jörg Drews zählt sie im Nachwort alle gekonnt an einer Argumentationskette auf, die mich beeindruckt hat. Wenn der Mensch des Menschen Wolf ist, dann könnte es sozusagen der Psychohygiene dienen, Zynismen rauszulassen, gewissermaßen anzuerkennen, dass die dunklen Seiten für uns alle konstitutiv sind. Ihre Anerkennung fördert die tiefe Erkenntnis, dass wir allzumal auch böse seien und immer die Balance mit der guten Seite suchen sollten. Wie wahr.
In diesem Buch zu lesen, könnte also ein Aggressionsvernichtungskapital in sich aufweisen und in der Tat ertappt man sich hier bei den bösesten, tiefsten, sündigsten Beleidigungen und Wünschen. Es ist alphabetisch gegliedert und zitiert unter Abtreibung den unvermeidlichen Karl Kraus: "Die meisten Menschen sind die traurige Folgen einer unterlassenen Fruchtabtreibung."
Gut gefällt mir auch unter Agitator dies: "Ein Politiker, der die Obstbäume seiner Nachbarn schüttelt, um die Würmer herunterzuholen." (Ambroce Bierce) Sie paktieren oft mit diesem Berufsstand: "Jeder Städtebewohner weiß, dass die Architekturkunst, im Gegensatz zur Poesie, eine terroristische Kunst ist." (Enzensberger)
War Ambrose Bierce wirklich ein Menschenfeind oder ein freundlich bestimmter Journalist? Seine Lebensgeschichte lässt vermuten, dass er die Segnungen seiner Mitmenschen intensivst genießen durfte. In jedem Fall ist er in diesem Buch desöfteren vertreten und seine Definition von Egoist hat mich getroffen: "Eine Person minderen Geschmacks, mehr an sich interessiert als an mir."
Ich erspare mir hier einen zynischen Hinweis auf das Stichwort Ehe. Es hat die meisten Einträge! Sie ist oft eine Geschichte unzulässiger Erwartungen so wie die eigentliche Geschichte nach Napoleon jene Lüge ist, auf die man sich geeinigt hat.
Achternbusch, Handke, Nietzsche, Nestroy, Karl Kraus, Arno Schmidt, Klassiker und aktuelle Zeitgenossen, bekannte, unbekannte, anonyme: Die Bosheit sitzt überall und reicht in diesem Buch bis zu hassenswerten Zuständen der Gegenwart (neue Medien, Internet fehlt).
Damit Sie sich für diese Rezension etwas zurechtlegen können, sei Ihnen dies mit Jean Paul gesagt: "Ich will lieber das dickste, schlechteste Buch schreiben als die dünnste, kleinste, gute Rezension davon." Walter Benjamin bemerkt dazu: "Auf das Urteil eines Rezensenten pfeift ein gesunder Leser."
Walter Sener würde ich allerdings nicht zustimmen, der ganz am Ende bemerken darf: "Sprich nicht zu oft zu zynisch, sei es immer." Oft denke ich, dass Zynismus steckengebliebene Trauer nicht läutert (Peter Horton) und ich weiß, dass es ein Wetzstein für den Intellekt sein kann. (Matthias Geßner)
Ach ja, das Titelbild: wirklich raffiniert und den A wie Absicht erkennt man erst beim wiederholten Betrachten.