Die "Nordlichter" (Dahl, Edwardson, Fossum, Nesser, Mankell ...) schreiben selten nur Krimis bzw. Thriller. Ganz im Sinne ihrer sie prägenden Vorgänger Sjöwall/Wahlöö ist damit immer auch ein Blick auf das gesellschaftliche Geschehen und/oder die psychologische tiefgründige Betrachtung der Hauptfiguren verbunden.
Jeder der genannten Autoren hat seinen eigenen Stil. Nesser schreibt in der Regel ruhige, psychologisch fundierte Betrachtungen der Gesellschaft, die sich meist um einen rätselhaften Kriminalfall ranken. Nach 10 Krimis mit dem Maardamer Kommissar Van Veeteren, liegt hier nur der dritte Fall des Inspektors Barbarotti vor. Während sich die ersten beiden Fälle durch die sehr rätselhafte und sich erst am Ende auflösende, spannende Ausgangssituation auszeichnen, ist der dritte Fall "Das zweite Leben des Herrn Roos" vollkommen anders.
Der Mordfall, der erst in der Mitte des Buches geschieht, spielt eher eine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund stehen zwei gesellschaftlichen "Loser" und ihre Gedanken und Sichtweisen, die die Gesellschaft und das Leben an sich thematisieren. Es sind ein fast 60-jähriger "Buchhalter", der die Inkarnation der Langeweile für seine Umgebung ist und ein 20-jähriges Mädchen, das bis vor kurzem drogenabhängig und gerade auf Entziehungskur ist. Bis zum Mord finden die beiden nicht nur sich auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise, sondern auch einen Weg (oder besser einen Ansatz), das bzw. ihr Leben zu genießen.
Diese Episode liest sich wunderbar ruhig und sehr schön. Man hat fast Angst vorm Weiterlesen, weil die drohenden Schatten sich immer mehr vergrössen, die dieses kleine Glück dieser beiden bedrohen. Wie subtil Nesser diese Angst immer mehr schürt zeigt eine Facette seiner schriftstellerischen Meisterschaft.
Natürlich kommen auch die wichtigen Hauptfiguren um Inspektor Barbarotti ins Spiel, wenn auch erst Mitte des Buches. Marianne, seine nunmehr geehelichte Frau, seine und ihre Familie, die Inspektorin Eva Backmann und viele mehr, die man aus den ersten beiden Fällen kennt.
Zu knobeln gibt es aber in diesem dritten Fall von Inspektor Barbarotti nicht wirklich viel. Einzig der Nebenstrang der ungelösten Grafitti-Schmierereien ist eine kleine, aber lösbare Nuß.
Wer einen Krimi, der klassischen Art erwartet, wird hier nicht bedient. Es ist eine wunderbar zu lesende, psychologisch fundierte Betrachtung der Vorgeschichte eines Mordfalles, die übergeht in die Jagd nach den Tätern. Derweil stellen die Protagonisten Überlegungen über die Gesellschaft und das Leben an, die einen immer wieder innehalten lassen und zum Nachdenken anregen.
Den Schluß des Buches fand ich sehr gelungen.
Insgesamt ein köstliches Lesevergnügen!!