Oliver (Olli) Dittrich, Mitte Fünfzig und aussehend wie Mitte Vierzig, ist einer der profiliertesten Comedians der deutschen Fernsehlandschaft. Bundesweit bekannt wurde er in den neunziger Jahren durch die Show 'RTL Samstag Nacht' und dort vor allem in der 'aktuellen Talkrunde' 'Zwei Stühle, eine Meinung' mit seinem Freund Wigald Boning.
Dittrich schlüpfte mit traumwandlerischer Sicherheit in die Rolle von Prominenten wie Franz Beckenbauer (genial), Rudolf Scharping (großartig), Adolf Hitler (grenzwertig), Michael Jackson, Boris Becker, Reinhold Messner, Michael Schumacher, Udo Lindenberg und so weiter und so fort. Am Allerbesten war er aber meistens dann, wenn er selbst erfundene Personen wie den schnöseligen, pseudointellektuellen Filmkritiker Hajo Schröter-Naumann, den tuckigen Modeschöpfer Jacques Gelee, den Reeperbahn-Zuhälter Mike Hansen oder den beschränkten Boxsportler Butscheroni verkörperte.
Seit einigen Jahren hat Olli Dittrich als stets im gestreiften Bademantel auftretender, dauerarbeitsloser Pommesbuden-Philosoph Dittsche die Rolle seines Lebens gefunden und sich mit diesem nervig-sympathischen alter ego gleichsam schon unsterblich gemacht.
Mit der im Titel an die Dittsche-Reihe angelehnten (Auto)Biographie DAS WIRKLICH WAHRE LEBEN lernt man den Künstler Olli Dittrich nun etwas näher kennen. Das knappe Vorwort dazu verfasste in seiner unnachahmlichen, zugleich vertrauten wie auch distanzierten Art kein Geringerer als Vicco von Bülow alias Loriot. So viel Ehre muss man sich erst einmal erarbeiten.
Einiges hat Dittrich für sein Buch selbst geschrieben; weiters, vertiefendes erscheint in Form von Interviews mit der als Ko-Autorin geführten Journalistin Anne Ameri-Siemens. Diese fungierte dabei im Wesentlichen als Stichwortgeberin, während die Antworten des Biografierten häufig sehr ausführlich, ja geradezu episch und stets absolut druckreif ausfielen.
Wie sich das gehört, erfährt man einiges Interessante über seine Kindheit und Jugend sowie über die Anfänge als Bühnenkünstler. Sehr viel Raum nehmen 'Zwei Stühle, eine Meinung', der unglaubliche Erfolg mit dem Gesangsduo 'Die Doofen' und natürlich 'Dittsche' ein.
Über seine offenbar schwierige Zeit bei der Plattenfirma Polydor Anfang der achtziger Jahre hätte ich hingegen gerne noch viel mehr erfahren. So findet sich im hervorragenden Bildteil des Buches z.B. ein Foto der Tone Band, die 1982 mit "Germany Calling" einen Top-Twenty-Hit feierte, und an der Olli Dittrich als Songschreiber, Sänger und Cover-Gestalter ihres zweiten (und völlig erfolglosen) Albums TOKYO TWIST beteiligt war. Mitglieder dieser seltsamen Technopop-Versuchsanordnung waren ausgerechnet erfahrene Rockmusiker wie Mike Starrs, Adrian Askew, Micky Stickdorn oder Dicky Tarrach. Leider geht das Buch aber trotz des Fotos mit keinem einzigen Satz auf diese sicherlich recht interessante Phase im Leben Olli Dittrichs ein.
Auch seine begnadeten Stegreif-Fernsehstücke mit Anke Engelke und die erfolgreiche Zeit mit der Band Texas Lightning werden zwar bildlich zu Recht gewürdigt, aber textlich vollkommen unterschlagen. Das finde ich nicht nur sehr schade, sondern es stellt für mich geradezu den Sinn dieses Buchprojektes in Frage.
Dafür erfährt der interessierte Leser vieles über seine 1983 erstmals aufgetretene und inzwischen bekämpfte Angstneurose, seine Vorliebe für den unbekannt gebliebenen Humoristen Heino Jaeger (den auch Dittsches Vorbild Loriot verehrt), oder darf eine nette, aber nur mäßig interessante Schnurre über ein altes Auto lesen, das ihn eine Zeit lang begleitete.
Olli Dittrich ist eine jener öffentlichen Personen, die mich wirklich interessieren, weil ich sie in gewisser Hinsicht als Seelenverwandte empfinde. Und gerade deshalb hat mich dieses Buch wohl ein wenig enttäuscht. Es ist weniger eine Biografie als ein zwar sympathischer, aber letztlich etwas unbefriedigender Flickenteppich aus Dokumenten, Anekdoten und Ansichten eines melancholischen Clowns geworden.
Sehr gerne hätte ich gerade hier fünf Sterne vergeben, doch letztlich sind es aus den erwähnten Gründen leider doch nur knappe vier.