"Wie die Geschichten aus dem Buch weitergehen...", das erfährt man auf der Homepage von Marlene Streeruwitz. Sie gehen dort tatsächlich weiter, doch seltsamerweise nie zu Ende. Woche für Woche kommen ein paar Web-Seiten hinzu, wir erfahren mehr oder weniger Interessantes aus dem mehr oder weniger alltäglichen Alltag von Andrea S., Isabella M., Ulrike, M., Xenia M., Auguste K. und wie sie alle heißen. Geschichten wie sie - na, sagen wir: ein bisschen das Leben, meistens aber nur SchriftstellerInnen schreiben, 11 Skizzen über Menschen wie Dich und mich, unfrei und unreif, belogen und betrogen, voller Fragen und Klagen. Das Buch als Soap-Opera, als unendliche, zeitdeckende Verdoppelung von Wirklichkeit. Ein originelles Konzept. Mehr nicht. Und da helfen auch die auf der Homepage im nachdenklichen bis weinerlichen Autoren-Singsang vorgetragenen Kalenderweisheiten am Steuer eines PKW (merke: das Leben ist eine Autobahn...) zum Thema "Gang der Zeit" wenig. O-Ton Streeruwitz: "Das Vergehen der Zeit drückt sich in uns aus. Es ist dieses Eindrücken, das sich zum Schmerz versammelt und uns den Atem raubt. Aber das Leben ist das nicht. Es ist nur das hastige Getriebensein im Gang der Zeit", usw. Diese Mischung aus Martin Heidegger, Alice Schwarzer und Pierre Bourdieu entwickelt zwar einen nahezu liturgischen Sog (analog zum litaneihaften Auftakt jedes der 11 Personenporträts: "Es war nicht wegen des Geldes", oder: "Es war nicht wegen des Sex?", oder "Es war nicht wegen des Schmerzes" usw.), doch spätestens nach drei Minuten (von 7:45) fragt man sich dann doch: was will die Dichterin uns eigentlich damit sagen? Gibt es da tatsächlich so etwas wie eine Aussage, oder will sie uns nur ein wenig einseifen?
Und diesen Eindruck hat man auch oft beim Lesen des Buches. Die Porträts bedienen sich der Erlebten Rede, man erwartet Innenperspektive, Psychologie, vielleicht Rätsel, wenigstens Unbekanntes. Doch sind die allermeisten nichts als Ansammlungen von Stereotypen. Eingeleitet von im Heidegger-Schwarzer-Bourdieu-Ton (s.o.) gehaltenen, hochtrabendem Psychogeschwätz: "Es war nicht wegen der Einsamkeit. Es war überhaupt nicht wegen der Einsamkeit. Die Einsamkeit war diesem Alleinsein vorzuziehen. Dieses Alleinsein, das sie so wütend gemacht hatte. Jetzt wusste sie, dass ihre Wut mehr gewusst hatte als sie. Ihre Wut hatte gewusst, dass er da mit der anderen zusammen gewesen war." (95).
Irgendwelche inhaltlichen noch sprachlichen Highlights sind nicht zu verzeichnen, vieles klingt wie an der Spule herunter erzählt, flach und absolut humorfrei. Eine Sprache, die diesen am Reißbrett entworfenen Figuren womöglich sogar entspricht, den kranken, überarbeiteten, missverstandenen, unterschätzten Frauen dieses Buches, deren Männer einem wahren Gruselkabinett des Patriachats entsprungen zu sein scheinen. Als da wären (in der Reihenfolge ihres Auftretens): das fettleibige, selbstgefällige, impotente, versoffene und verschnarchte Alphatier; der Hausmann, der seine erfolgreiche Ehefrau mit der Nachbarin betrügt; der notorische Lügner, der seine krebskranke Frau vernachlässigt; der Feldenkrais-Guru, der seine Freundin zwingt, den Beruf aufzugeben; ein Mann, der vom Unterhalt seiner Frau lebt; ein herrischer alter Professor, der seine Studentin emotional ausbeutet; ein türkischer Muskelprotz; ein Bigamist, der seine Freundin finanziell ausbeutet; ein Vater, der sein Kind vernachlässigt usw. - Kafka hatte elf ungeratene Söhne, einen bösen Vater und viel Fantasie. Streeruwitz hat elf Fälle, eine Homepage und ein Konzept
Schade um den Feminismus. Schade um die Literatur.