Sympathischer wird Oscar A. Schmitz dem Leser durch seine Tagebücher sicher nicht, repräsentiert er doch in seinen Schilderungen einen Typus, den wir heute nur schwer verdauen können. Schmitz gibt sich als hypochondrischen, selbstherrlichen, misogynen (dabei aber dem weiblichen Geschlecht keinesfalls abgeneigten) Schwerenöter zu erkennen. Geschickt weiß er es einzurichten, dass ihm die Verwaltung des Familienvermögens zufällt. Dadurch aller finanziellen Sorgen entledigt, ist es ihm möglich ein unabhängiges, stets seinen Neigungen folgendes Reiseleben zu führen, das ihn im ersten Band seiner Tagebücher vielen Protagonisten der späten Fin-de-siècle-Gesellschaft in Berlin, aber vor allem in München und Paris begegnen lässt. Seine ihm intellektuell unterlegenen Geschwister, die er finanziell knapp hält, müssen sich seine Gängelungen und permanenten Einmischungen gefallen lassen. Seine Ehen scheitern dagegen an permanent-penetranten Erziehungsversuchen, die O.A.S. jedoch einige Jahre später auch nur noch selbstironisch und kopfschüttelnd kommentierte (man muß allerdings über Seite 200 hinaus lesen, um zu den entsprechenden Tagebucheintragungen zu gelangen).
Was das Buch für mich trotz aller unsympathischen Züge seines Verfassers zu einem lesenswerten, spannenden Zeitzeugnis macht, ist die Fülle an Begegnungen und authentischen Schilderungen der Gesellschaft und Lebensumstände der damaligen Zeit. Es ist kaum möglich alle Personen aufzuzählen mit denen er bekannt wurde, sich befreundete und meist wieder entzweite. Breiten Raum nehmen dabei seine zeitweisen Kontakte zum George-Kreis, zu Franziska Gräfin zu Reventlow, seine Freundschaft zu Franz Hessel und Henri-Pierre Roché, sowie seine kaum zählbaren Liebesverhältnisse ein.
Unerwähnt sollte nicht bleiben, dass das Buch durch einen Glossar vervollständigt wurde, welches den Umfang des Werkes fast verdoppelt und eine unglaubliche Fülle an Ergänzungen, Kommentaren und Gegendarstellungen enthält.