Es ist ein alter Satz von mir - das wichtigste erlebt der Mensch vor seinem 15. Lebensjahr.
Hermann Hesse
Was passiert mit einem Menschen, der als Kleinkind einen Mordversuch überlebt und für Jahre im Wald sich selbst überlassen bleibt? Ist der Mensch von Natur aus "gut" und lebensfähig, oder ist er geprägt von Zuwendung, Erziehung, von der Vermittlung von Werten und in der Summe derjenige, welcher frühkindliche Prägung in Verbindung mit individuellen Anlagen werden ließ?
T. C. Boyle nimmt sich in der Novelle "Das wilde Kind" fiktionalisiert einer vielleicht wahren Begebenheit an. Im Jahr 1797 fangen Jäger in einem französischen Waldgebiet ein kleines, nacktes Kind, das kaum menschliche Verhaltensweisen besitzt. Es ist ein unter zehn Jahre altes Wesen, das völlig sich selbst überlassen das Leben eines kleinen Tiers in der freien Natur fristet. Es ernährt sich von den Früchten des Waldes, von kleinem Getier und von rohen Kartoffeln, die es auf entlegenen Äckern findet. Fast alles Menschliche ist ihm fremd. Seine Sinne sind ausschließlich auf das Befriedigen momentaner Bedürfnisse ausgerichtet. Schlafen, trinken, fressen, fressen vor allem, was sich später bei ihm zur Obsession entwickeln wird. Hitze und Kälte spürt es kaum, Kleidung und den Aufenthalt in Häusern hasst es. Die sensationelle Entdeckung spricht sich herum, und nachdem sich das kleine Wesen noch mehrmals der Zivilisation entziehen kann, wird es für lange Zeit der Obhut eines jungen Pariser Arztes überlassen, der äußerst engagiert mit Liebe, aber vor allem mit unnachgiebiger Strenge versucht, "Victor" elementare menschliche Verhaltensweisen und Fähigkeiten beizubringen. Davon überzeugt, dass der Junge kein Idiot ist, verknüpft er seine berufliche Reputation mit dem Erfolg der Sozialisierung des Kindes. Ein dorniger Weg, der viele Rückschläge bereithält und am Ende nur zu mäßigen Erfolgen führt. Mit Einsetzen der Pubertät beim "Wolfskind", das niemals den Trost kannte, Teil einer Wolfsmeute zu sein, nehmen die Schwierigkeiten noch einmal erheblich zu. Da der Junge weder Moral noch Scham kennt, bleiben Übergriffe nicht aus. Er muss das kirchlich geführte Heim für taubstumme Kinder verlassen und fortan in sehr bescheidenen Verhältnissen beim ehemaligen Hausmeisterehepaar leben. Die einfachen Leute meinen es gut mit Victor. Aber es ist zu spät für Eltern, zu spät für ein zivilisiertes Leben. In dem Jungen ist eine Barriere, die weder er noch andere überwinden können. Der Arzt, der lange Zeit sein engagierter Lehrer war und der doch noch bescheidene Berühmtheit erlangte, wird ihn schließlich auch aufgeben und versuchen zu vergessen.
Mythen über "wilde Kinder" gibt es in fast allen Kulturen. Die meisten Wissenschaftler sind der Meinung, dass ein kleines Kind ohne die frühe Zuwendung von Seinesgleichen nicht lange überleben kann. Die Entbehrung menschlichen Umgangs kann kein besonders ungebundenes und autonomes Wesen hervorbringen, sondern ein in vieler Hinsicht tief und dauerhaft behindertes und verstörtes Wesen, unabhängig von der genetisch vorgegebenen Intelligenz. Irgendwann ist der Zeitpunkt des Zugriffs auf angelegte Fähigkeiten verpasst. Verknüpfungen sind nicht mehr möglich. Deshalb sehen Fachleute auch den berühmtesten Fall eines "wilden Kindes", Kaspar Hauser, äußerst skeptisch. T. C. Boyle hat sich in seiner Erzählung, so weit ich das als Laie beurteilen kann, nah an den aktuellen Erkenntnisstand der Wissenschaft gehalten. Ein "Happyend" gibt es also nicht. Aber eine interessante, außergewöhnliche Geschichte auf gewohnt hohem T. C. Boyle-Niveau.
Helga Kurz
5. Februar 2010