Ein solches Buch zu besprechen heißt, sich in einem Minenfeld zu bewegen. Es ist ein Tanz zwischen wissenschaftlichen Ergebnissen (die sich durchaus widersprechen mögen), "Politischer Korrektheit", Männer- und Frauenwitzen, Emanzipation und Vorurteilen. Dabei steht in diesem Buch eigentlich nicht viel Neues. Es ist das, was die Autorin aus etwa neunhundert (zitierten) Fachartikeln extrahiert hat.
Louann Brizendine ist Gründerin einer Hormon-Klinik, studierte Neurobiologin und kann eine zwanzigjährige klinische Praxiserfahrung vorweisen. Nach ihren eigenen Aussagen möchte sie Frauen helfen, ihre wechselnden Gefühle und ihr Verhalten besser zu verstehen. Da viele Gefühle sich aus vorhersehbaren Hormonschwankungen ableiten lassen, könne Frau mit diesem Hintergrundwissen ihr Leben besser selbstbestimmen und planen.
Das Buch ist gegliedert in die Lebensabschnitte einer Frau, vom Säugling über das junge Mädchen, vom pubertierenden Mädchen zur Mutter, vom verliebten Mädchen zur Partnerin, den Wechseljahren und dem Leben nach der Menopause. Dass das Gehirn von Frauen in mancher (!) Hinsicht anders funktioniert als das von Männern belegt Louann Brizendine an vielen (fast zu vielen) Beispielen. Vieles wurde beispielsweise bereits von einem der führenden Neurobiologen, Steven Pinker, in seinem ausgezeichneten Buch "Das unbeschriebene Blatt" besprochen. Was ja Unisex-Gehirn-Befürworter oft übersehen ist, dass geschlechtsspezifische Gehirnmuster, Hormonwirkungen und Verhaltensweisen nicht nur auch bei Tieren zu beobachten sind, sondern experimentell bestätigt werden können (beispielsweise durch Übertragung von bestimmten Genen von einer Art zur anderen).
Stärken hat das Buch in den ausführlichen Beschreibungen der Wirkungen der verschiedenen Hormone auf das Gehirn und die entsprechenden Konsequenzen für Gefühle und Verhalten. Allerdings wurde mir bei den vielen Beispielen ganz schwubbelig von den Hormon-Wellen, fast möchte ich mich wundern, wie Frauen mit den Hormon-Tsunamis überleben. Anderererseits, Hormone sind eben (unter anderem) die Signalträger, über die Körperzellen auf die Außenwelt reagieren und miteinander kommunizieren. Verwirrend ist bei solchen Signalsystemen, dass einige wenige Schlüsselsubstanzen eine Reihe von Veränderungen hervorrufen können, die, je nach dem wie die sonstigen Bedingungen sind, ganz verschieden sein können. Ich fürchte, dass ein Teil der Ablehnung dieser Ursache-Wirkungs-Mechanismen daher kommt, dass sie wirklich schwer zu durchschauen sind. Da hilft auch dieses Werk nicht wirklich weiter.
Im Anhang stellt Louann Brizendine Für und Wider von Hormontherapien gegenüber. Dabei hat sie einen gewissen Hang zum "Für". Immerhin, die Gegenargumente breitet sie ebenfalls aus und empfiehlt Frauen, sich von ihrem Körper leiten zu lassen.
Insgesamt scheint mir das Buch etwas Hormontherapie-lastig zu sein (was bei der beruflichen Expertise der Autorin nicht weiter verwundert). Und ein Titel wie etwa "Wirkungen von Hormonen auf das (weibliche) Gehirn" würde den Inhalt besser treffen. Ungenau werden Ausflüge, die über das Gebiet der Hormone hinausgehen. So bestehen, so Louann Brizendine, zwischen den genetischen Informationen von Mann und Frau "nur geringfügige Abweichungen von weniger als einem Prozent". Dies beruhigt mich, da der genetische Abstand vom Menschen zum Schimpansen immerhin etwa eineinhalb Prozent beträgt. Sozusagen halber Schimpansenabstand. Unschön finde ich den immer wiederkehrenden Ausdruck "Verdrahtung" des Gehirns. Wir haben keine Drähte im Gehirn. Normalerweise. Und was bedeutet ein "größeres" Gehirnareal? Mehr Zellen? Mehr Synapsen? Mehr Myelin?
Trotz einiger Schwächen ist das Buch doch lesenswert. Es zeigt, wie sehr die Gemütsverfassung einer Frau (und, in geringerem Maß, die eines Mannes) von Hormonen abhängig sein kann, unabhängig von den äußeren Umständen. Wenn es Frauen hilft, sich mit diesem Wissen besser zu verstehen und sich besser selbst bestimmen zu können, so hätte es einen wichtigen Zweck erfüllt.
Auch Männern sei es empfohlen. Zwar werden Frauen für uns Männer immer noch weitgehend unberechenbar bleiben, aber jetzt wissen wir wenigstens so ungefähr, warum. Und können sie umso mehr lieben.