2009 erschien "Das weiße Band" des österreichischen Regisseurs Michael Haneke. Er erzählt beängstigende und verstörende Vorkommnisse in einem kleinen Dorf in Ostelbien, die sich in den Jahren 1913 und 1914 abspielen.
Selten sieht man so authentisch wirkende Darstellungen vergangener Epochen. Der immerhin 144 Minuten dauernde Schwarzweiß-Film projeziert in gestochen scharfen Bildern das Leben des kleinen, protestantischen Dorfs auf die Leinwand, so dass man nach wenigen Minuten schon glaubt, daran teilhaben zu können.
Ohne tendenziös zu erscheinen, beleuchtet Haneke mit seinen vorzüglichen Schauspielern den Puritanismus, das Obrigkeitsdenken, die harte Arbeit und die sozialen Probleme dieser Zeit. Aber seine Figuren bleiben vielschichtig - zwar wird äußerste Strenge und Disziplin in der Erziehung geübt, aber auch Verständnis und Liebe. Für uns verwöhnte Konsummenschen wird auch die wirtschaftliche Problematik und die Härte des Arbeitslebens erlebbar.
Die Geschichte selbst scheint nicht allzu spannend, da schon in den ersten Szenen deutlich auf die "Verdächtigen" hingewiesen wird. Insofern kann man hier auch nichts "verraten". Dennoch bleibt das Geschehen interessant, vielleicht auch, weil man noch irgend etwas Besonderes erwartet - allerdings vergebens. Die Sache wird letztendlich unter den Tisch gekehrt, das Leben geht weiter.
In der Umgebung der Produktion wurde der Film als Versuch präsentiert, die Entstehung des deutschen Nationalsozialismus auf den puritanischen Protestantismus, wie ihn der Film zeigt, zurückzuführen. Aber natürlich war Deutschland 1933 nicht mehrheitlich von Puritanern besiedelt. Auch muss man bezweifeln, dass gerade der Kern der Nazis, die sich ja im Alpenraum konstituierten, sich aus diesem Umfeld rekrutierte. Die Tatsache, dass es immer und vielerorts Nazis gab und gibt, lässt eine Korrelation mit bestimmten Religionszugehörigkeiten ebensowenig plausibel erscheinen. Schließlich gebe ich noch zu bedenken, dass die im Film dargestellten Kinder 1933 schon mindestens 30 Jahre alt gewesen sein müssten - die konstituierenden braunen Banden haben sich aber damals wie heute eher aus jüngeren Mitgliedern zusammengesetzt. Alles in allem hat man schon griffigere Theorien gehört.
Der Film aber ist schlicht als Sittenbild der Zeit absolut sehenswert und vorzüglich gemacht. Das gilt auch für die Bildqualität, auch wenn man - wie man liest - Schwierigkeiten mit Schwachlicht-Aufnahmen erst durch aufwändige digitale Nachbearbeitung in den Griff bekommen hat. Dennoch wäre es interessant, den Film alternativ auch mal in Farbe zu sehen.
Unter den Schauspielern waren der Pastor (Burghart Klaußner) und der Arzt (Rainer Bock) herausragend, aber - wie bereits gesagt - konnten die Schauspieler insgesamt überzeugen, was natürlich für die Regie spricht.
Dennoch hätte eine nachvollziehbare Entwicklung der Handlung und eine gewisse Auflösung dem Ganzen erst den dramaturgischen Reiz gegeben, den man sich vielleicht erhofft, wenn man über zwei Stunden vor der Leinwand sitzt. Wenn man damit leben kann, lohnt sich das Anschauen aber allemal.
Im Original 144 Minuten, Format 1,85:1 auf 35 mm Film und Video, 2K Intermediate, DTS|DD (IMDB)
film-jury 3* A0757 31.10.2011eg Genre: Drama | Mystery