Im Alter von 80 Jahren verfaßte Heinz Rühmann seine Autobiographie. Sie erschien 1982 und wurde zu einem Bestseller. Vor Jahren hatte ich sie bereits schon mal gelesen - jetzt habe ich sie mir gekauft und nochmal gelesen. Mein früherer Eindruck einer gewissen "Leere" nach Abschluß der Lektüre ist auch diesmal bestätigt worden.
Behutsam, besinnlich, streckenweise fast resignierend lesen sich Rühmanns scheinbar vorwiegend aus dem Gedächtnis hingeworfenen Gedanken über sein Leben. Bisweilen erwähnt er aber auch sein Tagebuch, das ihm als Richtschnur gedient haben dürfte. Mit seinen Schilderungen tut er niemandem wirklich weh - auch sich selber nicht -, und entschuldigt sich für jede Andeutung einer Wahrheit, die vielleicht entlarvend wirken könnte. Seine Erinnerungen sind frei von Sensationen. Fast könnte man meinen, sie handelten vom spannenden Berufsleben eines mittleren Angestellten im Öffentlichen Dienst.
Vor allem die Zeit vor seinem absoluten Durchbruch Anfang der 30er Jahre wird intensiv und teilweise sogar augenzwinkernd geschildert (auf ca. 105 von 263 Seiten). Danach flacht der Stil ab, die Pointen und Inhalte werden zunehmend lapidarer, gleichförmiger, oberflächlicher und melancholischer. Das Thema "Drittes Reich", das zweifelsohne ein ungewollt zentrales in Rühmanns Leben gewesen sein m u ß, wird praktisch ignoriert - so als hätte es nicht stattgefunden - und auf zehn Seiten abgehandelt. Dabei entwickelte sich Rühmann doch in den 30er und 40er Jahren zum höchstbezahlten Filmstar in Deutschland. Um in diese Position zu gelangen und sich dort dauerhaft zu halten, mußte man sich zwangsläufig mit den Machthabern, insbesondere Goebbels, irgendwie arrangieren. Torsten Körner hat das in seiner exzellenten Rühmann-Biographie (s.u.) sehr deutlich und absolut sachlich herausgearbeitet.
Dem Lebensabschnitt nach 1945, vor allem seinem Comeback in den 50er Jahren, das ihn immer weiter weg von der lustigen Komödie und immer stärker hin zu tragenden Rollen führte, widmet Heinz Rühmann dann wieder breiteren Raum. Die letzten 40 Seiten handeln von der jüngeren Vergangenheit. Dabei wird harmlosen, ja fast banalen Urlaubserlebnissen, die er mit seiner letzten Ehefrau auf seinen privaten Reisen teilte, reichlich viel Gewicht beigemessen.
Rühmanns Affären mit weiblichen Schauspielern kommen praktisch nicht zur Sprache. Das gilt etwa für die Beziehung zu Leny Marenbach, die mindestens von 1936 bis 1939 gedauert hat. Sie war und ist ein offenes Geheimnis, wird aber nicht genannt. Offenbar war es ihm in fortgeschrittenem Alter peinlich, über solche Dinge zu sprechen. Aber auch seine ersten beiden Ehefrauen werden merkwürdig distanziert abgehandelt. Demgegenüber schildert Rühmann ausgiebig, ja geradezu euphorisch seine Erlebnisse mit der Fliegerei und seinem Flugidol Ernst Udet.
"Zufall? Schicksal? Ich glaube, je älter ich werde, an Schicksal, nicht an Zufälle." Diesem Rühmann-Zitat folgen auf weiten Strecken auch seine Erinnerungen. Er sah sein Leben, so wie es verlief, offenbar als vorherbestimmt an. Warum sollte er prekäre Einzelheiten schildern? Die Erinnerungen eines achtzigjährigen Superstars sind gewiß weitläufig wie ein Ozean. Da lag es ihm wohl nahe, an den ungefährlichen Stellen zu fischen und die rauhen Klippen zu meiden. Rühmann gehörte schon zu Beginn seiner Karriere zu den Künstlern, die ihr Privatleben nicht in die Öffentlichkeit trugen. Diesem Vorsatz blieb er auch mit seiner Autobiographie treu.
Stattdessen geht der Autor ziemlich ausführlich auf den Beruf des Schauspielers und dessen Handwerkszeug ein. Am Beispiel seiner eigenen Arbeitsweise schildert er, wie und wo er seine Texte lernt, wie er sich auf eine Rolle bzw. auf bestimmte Rollen vorbereitet, nach welchen Kriterien er seine Rollenangebote bewertet, wie er seine Theater-, Film und TV-Arbeit aufeinander abstimmt usw. Manchmal lesen sich seine Erläuterungen, als wären sie für einen Zehnjährigen bestimmt. Solche Entgleisungen ins Naive werden häufig eingeleitet mit dem Hinweis: "Mir wird oft die Frage gestellt ...".
Insgesamt möchte ich Rühmanns Autobiographie trotzdem empfehlen. Literarische Finessen, geschmeidige Formulierungen oder angedeutete Enthüllungen dürfen Sie aber nicht erwarten. Oft muß man zwischen den Zeilen lesen, und manchmal hätte man gern mehr Details erfahren. Deswegen favorisiere ich als "Begleitlektüre" die hervorragende Rühmann-Biographie von Torsten Körner ("Ein guter Freund"), die kürzlich erschienen ist. Die kann man ohne Langeweile auch mehrfach lesen.
Heinz Rühmann war, ist und bleibt ein begnadeter Schauspieler, der jede Menge Filmklassiker hinterlassen hat. Als Schriftsteller oder Philosoph wird er gewiß nicht in die Ewigkeit eingehen - das muß er ja aber auch nicht. Hätte er seine Memoiren 20 Jahre früher geschrieben, wäre vielleicht etwas Griffigeres dabei herausgekommen. So muß sich die Nachwelt mit seinen manchmal recht zaghaften und trägen Rückblicken begnügen.